Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Trotz seiner Nähe ist Hinte kein Teil von Emden. Für Neu-Ostfriesen kann das mitunter eine überraschende Erkenntnis sein.

Eingemeindungen als Landraub

Als die Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen in den 1970er-Jahren umgesetzt wurde, war ich noch zu klein, um davon etwas mitzubekommen. Allerdings wurde das Ergebnis häufiger in meiner Familie erwähnt. Dafür gab es einen einfachen Grund, denn meine Geburtsstadt Wesel profitiert erheblich vom Niederrhein-Gesetz zur Neuregulierung der Gemeinden.

Eine ganze Reihe von Gemeinden wie etwas Bislich und Büderich vergrößerten die Stadt. Gleichzeitig wurde der Kreis Wesel geschaffen. Vorher gab es den Kreis Rees, dessen Verwaltungssitz sich seit 1842 in Wesel befand (schön wenn man das alles auf Wikipedia nachlesen kann). Jedenfalls, in unsere Familie war man glücklich darüber, als Weseler endlich mit dem passenden Autokennzeichen herumfahren zu können. Die andere Seite, also Perspektive der Reeder, kenne ich bis heute nicht.

Selbst als politisch interessierter Jugendlicher / Heranwachsender stellte ich die Eingemeindung nie infrage. Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, den Verwaltungsakt als Landraub zu bezeichnen oder zu empfinden. Auch hier wieder kenne ich natürlich nur die Perspektive der „Gewinner“. Aber wie gesagt, es war für mich überhaupt kein Thema.

Zum ersten Mal aktiv auseinandergesetzt habe ich mich mit den Folgen und Formen der Eingemeindung in Köln. Deutz und Chorweiler, so las und hörte ich immer wieder, sind und waren nicht besonders glücklich über die Eingemeindung — anderen Ortschaften ging es ähnlich. Die Stadt Köln profitiert deutlich davon, konnte sie doch auf diese Weise zu einer Millionenstadt werden.

Wesseling wehrte sich erfolgreich gegen die Eingemeindung und wurde 1976 wieder eingeständig. Köln kostet das den Status als Millionenstadt, den die Rheinländer erst 2010 wieder erreichten.

Kommen wir aber zu Hinte.

Aurich wacht über Hinte

Als neu dazu gezogener nahm ich mit Blick auf die Landkarte an, Hinte würde zu Emden gehören. Ist ja quasi ein Katzensprung und eingezeichnete Grenzen in der Landschaft habe ich bei meinen ersten Ausflügen in die neue Umgebung nicht gesehen.

Das Hinten tatsächlich zum Landkreis Aurich gehört, wusste ich Montag nicht. Erst ein Bericht in der Emder Zeitung über eine mögliche Eingemeindung von Hinte klärte nicht auf. Es ist auch ein wenig komisch hier in Ostfriesland. Emden ist eigenständig, Teile des Umlands gehören zu Aurich, andere dagegen wie die Insel Borkum zum Landkreis Leer — was mich als Urlauber immer irritierte, auf der Insel Autos von Einheimischen mit dem entsprechen Kennzeichen herumfahren zu sehen.

Nach wie vor krebst Emden bei der Einwohnerzahl um die 50.000 Marke herum. An der hängt die Eigenständigkeit. Bei einer schrumpfenden Einwohnerzahl würde diese kassiert, mit weitreichenden Folgen. Etwa der Streichung von Stellen in der Verwaltung. Bekäme man die rund 7.100 Einwohner von Hinte dazu, hätte man eine gewisse Sicherheitsreserve.

Die vom Emder Oberbürgermeister geäußerte Idee klingt gut. Der Vorstoß erfolgte allerdings ohne vorheriges Ausloten. Am Dienstag gab es dann in der Zeitung entsprechende Berichte über die Sichtweise in Hinte. Die Gemeinde lehnt einen Zusammenschluss ab. Rückdeckung dabei gibt es auch aus Aurich.

Bei den Pro-Argumenten für eine Eingemeindung sehe ich eigentlich in erster Linie den Bevölkerungszuwachs für Emden. Eine Verbesserung der Zusammenarbeit klingt für mich dagegen so, als wäre Hinte Teil eines ganz anderen Landes.

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