Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Insbesondere die Erklärung komplexer Spielregeln stellt eine besondere Herausforderung am Spieltisch dar. Verständnishürden verstecken sich nicht nur im Detail.

Immer wieder Sonntags

Ein ruhiger Sonntagmorgen eignet sich besonders, das am Abend zuvor gelesen bei einer großen Tasse Cappuccino noch mal zu verdauen. In meinem Fall sind es die Spielregeln zu „Caesar: Rome vs. Gaul“. Beworben wird das Spiel mit „easy-to-learn“. Die Aussage muss relativ gesehen werden, also in dem Fall in Verhältnis zu anderen Spielen von GMT Games.

Wenn ich mir Spielregeln erarbeite, ist eigentlich immer auch das Spielbrett aufgebaut und das Material so vorbereitet, als würde gleich eine Partie starten. Auch im haptischen Sinne möchte ich ein Spiel begreifen. Wie schwer oder leicht das tatsächlich ist, hängt weniger von der Komplexität als von der Qualität der Regeln und ihrem didaktischen Aufbau ab. Hier geht jeder Verlag einen anderen Weg, selbst bei GMT Games gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. Hier ließe sich etwa gut SpaceCorp mit Caesar: Rome vs. Gaul vergleichen. Letzterer Titel orientiert sich eher am klassischen Regeldesign des Verlages. Mit anderen Worten, es erwartet einen ein hartes Stück Arbeit, bis man regelfest ist.

Sprachliche Hürden sind dabei weniger das Problem als ein Aufbau, der an Bedienungsanleitungen für Haushaltsgeräte erinnert.

Besser strukturiert Spielregeln

Nicht zum ersten Mal mache ich mir dabei Gedanken, wie sich Spielregeln besser strukturieren ließen. Am besten so, dass man zu einem späteren Zeitpunkt einen schnellen Wiedereinstieg in das Spiel bekommt, wenn es länger im Regal gelegen hat — eines meiner Hauptprobleme auch als Erklärbär.

Wenn die Regeln es selber nicht hergeben, muss man selber ran. Vor einigen Monaten habe ich mir mal bei „Tank Duel“ die Arbeit gemacht.

Ablauf bei Tank Duel

Ablauf bei Tank Duel

Dabei vermisste ich schmerzlich ein Werkzeug, mit dem so eine Form der Visualisierung schneller und einfach von der Hand geht. So ein Tool für Spielregeln ist wohl noch eine Marktlücke (Empfehlungen gerne in den Kommentaren).

Will man ein Spiel erklären, geht man oft einen anderen Weg als die Spielregeln. Am Anfang sollte immer die Beantwortung von zwei essenziellen Fragen stehen:

  • Worum geht es?
  • Wie gewinne ich?

Alles Weitere sind Details, die dann erklärt werden können. Meistens folgt dann der Spielaufbau, die Funktion des Spielmaterials und dessen Bedeutung so wie der Ablauf der Partie — also der Spielzüge und Spielrunden mit den Möglichkeiten der Spielerinnen und Spieler zu agieren.

Auf den Punkt gebracht

Für „Caesar: Rome vs. Gaul“ habe ich das versuchsweise Mal auf das nachfolgende heruntergebrochen:

„Die Eroberung von Gallien durch Cäsar in den Jahren 57 – 52 v. Chr. Ein Spieler übernimmt die Rolle der Römer, der andere die der gallischen Stämme.

Vorweg: Das Spiel kann auch zwei Arten enden. Entweder nach sechs Spielrunden oder durch vorher durch einen automatischen Sieg der Römer oder Gallier. Der Römer erzählt einen automatischen Sieg, wenn er in der sogenannten politischen Phase am Ende einer Runde die Mehrheit der Provinzen in Belgica, Celtica, Aquitania und alle in Provincia kontoliiert. Zudem dürfen keine befestigten Städte der Gallier mehr auf dem Spielplan vorhanden sein.

Der Gallier gewinnt, wenn Cäsar in der politischen Phase den römischen Senat nicht überzeugen konnte. Mit anderen Worten, wenn sein Feldzug in dem Jahr so schlecht lief, dass er auf eine Bewertung von drei oder weniger kommt.

Nach Runde sechs gewinnt der Gallier, wenn der Römer nicht auf 12 oder mehr Siegpunkte gekommen ist. Der Römer gewinnt, wenn er mindesten 12 Siedepunkte erreichen konnte. Dabei gibt es Siegpunkte jeweils am Ende eines Jahres durch den Senat für die militärische Performance und am Spielende für die besiegte Stämme und erfolgreiche Invasionen.“

Hier zeigt sich schon eine nicht selten auftretende Problematik bei der Erklärung von Spielregeln. Während das Setting leicht zu erklären ist, wird es bei den Siegbedingungen schon schwieriger.

Kein einfacher Punktesalat

Es gibt hochkomplexe Spiele wie Schach, die eine recht einfache Siegbedingung habe: „Ein König ist Matt, wenn er im Schach steht und es keine Züge mehr gibt, die das Schach abwehren.“ Der betreffende Spieler verliert.

Bei anderen Spielen gewinnt diejenige mit den meisten Siegpunkten. Für diese gibt es innerhalb des Spiels verschiedene Quellen. Diese müssen dann jedoch vorab in ihrer Bedeutung erklärt werden. Für jede Siedlung einen Punkt, für jede Stadt zwei Punkte (Catan: Das Spiel) plus „längste Handelsstraße, Entwicklungskarten und größte Rittermacht. Das ist noch recht einfach und lässt sich anhand des Materials erklären.

Je mehr Quellen es für Siegpunkte gibt, desto schwer wird es für den erklärbar. Die Königsdisziplin sind dann Spiele wie „Caesar: Rome vs. Gaul“, wo es asymmetrische Bedingungen für den Sieg gibt. Der Gallier sammelt keine Siegpunkte, sondern gewinnt, wenn der Römer nicht genügend erziehen konnte. Um eine Chance zu haben, den römischen Sieg zu verhindern, muss der Spieler der Gallier entsprechend genau wissen, wie er den Sieg des Römers verhindern kann. Also verstehen, was es mit der Mehrheit in einer Provinz auf sich hat, denn nur so kann er gegensteuern und am Ende einer Spielrunde verhindern, dass Cäsar vom Senat mit zwei Siegpunkten belohnt wird.

Rückwärts erklären

Im Grunde geht der Erklärbär wie einige Romanautoren vor: vom Ende zurück zum Anfang. Nur wenn man das Ende kennt, kann man den Rest angehen.

Im Fall von „Caesar: Rome vs. Gaul“ müsste nach also nach der Betrachtung des Spielendes die Frage geklärt werden, wie Cäsar in der Winterphase den Senat überzeugen kann, also wie die Gewichtung vorgenommen wird, um zu bestimmen, ob der Spieler zwei, einen oder null Siegpunkte erhält.

Wir erinnern uns: Das Spiel geht über sechs Runde, wenn Cäsar in jeder Runde den Senat überzeugt und somit zwei Punkte erhält, ergibt das 12 Punkte. Alle anderen Punktequellen würden dann unerheblich sein. Sie sind nur dann wichtig, wenn Cäsar absehbar schlechter abschneidet und seine Qualitäten anderweitig unter Beweis stellen muss.

Nachdem das jetzt erklärt wurde, kann man sich da die einzelnen Aktionsmöglichkeiten der Kontrahenten in den Spielrunden machen. Hier es auch wieder vom Groben zum Detail der wohl richtige Weg. Ausgespielte Karten geben Aktionspunkte, die für Bewegung, Einfluss oder Konvertierung benutzt werden können. Bewegungen wiederum können Kämpfe nach sich ziehen, die ebenfalls erklärt werden müssen.

Versuch eines Fazits

Ob die Vorgehensweise, die Spielregeln so bei „Caesar: Rome vs. Gaul“ funktioniert, wird dann wohl meine Frau in den nächsten Tagen beurteilen können. Wenn ich es komplett in den Sand setze, wird das Spiel im Regal danach verstauben.

Zudem bin ich mir auch nicht sicher, ob meine am Beispiel skizzierte Vorgehensweise die Richtige ist bei jedem Brettspiel. Möglicherweise gibt es keinen Königsweg, Regeln effektiv zu erklären.

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