Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Im Alter von 83 Jahren verstarb gestern Herbert Feuerstein. Auf seine Weise ist er damit aus dem Schatten von Harald Schmidt getreten.

Kleine große Menschen

Auf taggeschau.de wird Herbert Feuerstein posthum als Komiker bezeichnet. Für mich klingt das angesichts dessen, was Komiker 2020 von sich geben, eher als Beleidigung. Kabarettist, eine auf jeden Fall bessere Bezeichnung. Was seine Leistung für den deutschen Humor angeht — Humor ist in Deutschland eine todernste Sache. Für mich ist und war Herbert Feuerstein ein Universalgenie. Jemand, der im Fernsehen einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Kulturgeschichte geleistet hat. Als Sidekick an der Seite von Harald Schmidt, aber eben auch als Mastermind hinter Schmidteinander. Damit wären wir dann direkt bei der Sendung, die ich damals regelmäßig im Fernsehen sah. Sie lief von 1990 bis 1994 und zählte in meiner Per-Group zu einer Art Pflichtprogramm. Feuerstein und Schmidt waren Kluft. Jede Sendung noch Tage danach Gesprächsthema, wenn man sie denn nicht sogar schon zusammen angeschaut hatte.

Ein Stück weit stellte Schmidteinander öffentlich-rechtlich bezahlte Anarchie dar. Großartig wurde auch (soweit ich mich erinnern kann) einfach mal Stille im Fernsehen präsentiert und vorgerechnet, was das den Gebührenzahler kostet. Schmidteinander, für mich damals so was wie intellektuelle Anarchie mit einem Schuss Blödsinn, wie ich ihn aus dem MAD-Magazin kannte.

MAD und Herbert Feuerstein

Humor und Blödsinn aus MAD bei Schmidteinander — in diesem Fall kann nicht von Zufall gesprochen werden. Von Anfang der 1970er-Jahre bis 1992 prägte Herbert Feuerstein das MAD-Magazin als Chefredakteur. Umgekehrt wurde MAD auch zu etwas, was mich ein Stück weit prägte. Recht Jung stieg ich in die Lektüre ein, einige der Anspielungen und Witze verstand ich als Kind noch nicht. Dennoch, mir das neuste Heft am Bahnhof zu kaufen, fand ich immer großartig. Das Heft hatte auch einen ganz besonderen Geruch von Druckerschwärze.

Zurück aber zu Herbert Feuerstein. Die Süddeutsche Zeitung bescheinigt ihm in ihrem Nachruf „produktives Leid“. Er blieb oft jemand, der im Schatten stand. Wie viel von der Hass-Liebe zwischen ihm und Harald Schmidt gespielt und wie viel echt war, wird wohl ein Rätsel bleiben.

In jedem Fall wird der Verstorbene eine Lücke hinterlassen. Definitiv keine kleine Lücke, auch wenn es in den letzten Jahren eher ruhiger um ihn geworden ist. Zurückgezogen lebte er in seinem Haus in Erftstadt — auch eine Form von Humor.

Der wohl beste Nachruf auf Feuerstein stammt von ihm selber. Zusammen mit WDR 5-Redakteur Michael Lohse produzierte er einen Nachruf auf sich selbst, der erst nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte. Ich in letzten Fragen wollte er sich lieber auf sich selber verlassen.

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