Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Landleben romatische Vorstellungen

Die romantische Vorstellung vom Leben fernab der Stadt verliebt spätestens mit dem ersten Geruch von Gülle aus der Nachbarschaft.

So mancher Stadtbewohner hat eine verklärt-romantische Vorstellung vom Landleben. Dabei hat Wohnen auf dem Dorf auch Schattenseiten.

Schäferspiele für Hipster

In der Süddeutschen Zeitung von diesem Wochenende geht des im Artikel „Unschuld vom Lande“ um ein offensichtlich neues Social-Media-Phänomen. Unter dem Hashtag #cottagecore gibt es richtige Bewegung von vornehmlich jungen (meist weiblichen) Menschen mit einem verklärten Blick auf das Landleben. Vergleichbar etwa mit den Schäferspielen in Adelskreisen im 16. und 18. Jahrhundert wird die Wirklichkeit imitiert. Man gibt sich dem Landleben hin, ohne wirklich mit der rauen Wirklichkeit in Kontakt kommen zu müssen.

Auf so eine Idee können auch nur Menschen kommen, die keine Ahnung vom echten Landleben haben.

Leg dich nicht mit Landkindern an. Sie kennen Plätze, an denen dich niemand findet.

Kleinstadt, Dorfjugend, Landleben — mir ist das aus der Kindheit bekannt. Wahrlich, das war nicht immer ein Zuckerschlecken. So ist mit Gartenarbeit auf ewig verleidet. Hier in Köln wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich freiwillig um einen Schrebergarten zu bemühen. Gut, in Emden sieht es dann künftig etwas anders aus, aber den kleinen Rasen im Garten mähe ich locker mit Links. Kein Vergleich zu der Fläche aus meiner Kindheit und Jugend.

Allerdings muss ich natürlich gestehen, dass ich kein echtes Dorfkind bin. Mit seinen damals 60.000 Einwohner war Wesel zwar irgendwie Provinz. Es gibt aber Nester etwa in der Eifel, da möchte man nicht mal tot über dem Zaun hängen.

Viel Natur und einsame Orte

Viel Natur und einsame Orte

Verzweiflung durch Landleben

Noch gut in Erinnerung habe ich etwa Dahlem. Eine Ortschaft, wo die einzige echte Einkaufsmöglichkeit durch einen Lebensmittelwagen gegeben ist, der einmal die Woche kommt. Da kann man sich günstig wohnen, aber so ein Landleben wäre für mich der pure Horror.

Kitschigen Bildern von Menschen im Abendlicht vor einem Cottage — dem kann ich nichts abgewinnen. Die sollten mal in einem Bauernkotten wohnen, wenn es Winter wird und die einzige Möglichkeit zu heizen darin besteht, Kohle oder Holz zu verfeuern..

Leben fernab jeglicher Zivilisation macht einsam. Wer das nicht aushält, sollte lieber in der Stadt bleiben. Für mich selber habe ich beschlossen, mich für die Balance zu entscheiden. Kein echtes Landleben, denn Emden ist schon eine Stadt. Dennoch ländlich und ruhig mit dem Vorteil, bei Bedarf in die Großstadt zu kommen. Wenn man es denn braucht. Im Gegensatz zu früher ist die Welt nämlich kleiner geworden dank Internet. Solange man ans Netz angeschlossen ist und auch beliefert wird, kann man online alles nach Hause kommen lassen. Alles, was darüber hinaus noch gibt, braucht man ehedem nicht — zumindest ich nicht.

Eine Antwort

  1. Tut mir leid, leider kann ich deine Meinung überhaupt nicht unterstützen. Ich komme wirklich vom Land. 17 Einwohner hat mein Dorf, hauptsächlich kleine Bauernhöfe und Leute, die sich mit ihren Gärten größtenteils selbst versorgen. Ich habe schon damals mit einem Milchkännchen Milch beim Bauern geholt und Eier beim Nachbarn. Meine Pullover haben meine Oma und ich selbst zusammen gestrickt – nicht aus gekaufter Wolle, sondern aus selbstgefärbtem Garn, dass wir mühsam von Hand gewaschen, gekämmt und gezwirbelt haben. Ich habe damals im Alter von 10 Jahren Weben gelernt, habe mit Bienen gearbeitet, um an Honig zu kommen und bei der Feldarbeit habe ich unseren Nachbarn geholfen, was spätestens im Alter von 14 Jahren für mich auch Holzhacken bedeutete. Was wir nicht selber machen wollten (Hackfleisch etc.), haben wir alle paar Wochen mal beim Lidl geholt, aber meistens haben wir das sofort mit Kräutern aus den Garten und frisch gezogenem Gemüse weiterverarbeitet (z.B. zu Würsten. Dank dem Internet konnten wir günstig Schweinedärme bestellen) und dann in unserem Räucherofen räuchern.
    Ja, viele haben keinen Bezug zu diesem „Trend“, aber für mich ist es eine Lebensweise, die mir meine Oma, bei der ich mein ganzes Leben gewohnt habe und die mich erzogen hat, ans Herz gelegt hat. Ja, das richtige Dorfleben ist hart, eben nicht für jedermann, aber ich bin froh, dass Cottagecore meiner Generation das Landleben näher bringt. Wenn auch eine romantisierte Version davon – aber was ist das Leben schon ohne Romantik ?!
    Mir bringt es auf jeden Fall das Gefühl, auch jetzt, in einer großen Stadt lebend, ein Stück Heimat bei mir zu haben.

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