Frei von Koffern

Unfälle passieren. Manche zufällig, andere absichtlich. Manchmal ist das Leben nicht frei von Koffern.

Bitte den gekennzeichneten Bereich frei von Koffern halten. Helena zögerte. Mittlerweile fühlte sich der rechte Arm länger als der linke an. Zumindest wenn er noch dran gewesen wäre. Nach dem Unfall durch Fremdverschulden hatte sie auf eine Prothese verzichtet.

Lieber Arm ab als arm dran. Ein Spruch aus der Schulzeit. Eine besonders hohe Entschädigung stand ihr nach der Sache, wie Helena es nannte, nicht zu. Das Geld war nur ein Witz, verglichen mit den Einschränkungen, die sie im Alltag hinnehmen musste. Für Rechtshänder wäre der Verlust einfacher gewesen, aber Helena war Linkshänderin.

Zumindest gewesen. Mit rechts viel ihr nahezu alles wesentlich schwerer. Das schaff ich doch mit links. Wieder so ein Spruch, den Helena nicht mehr hören konnte. Damals konnte der Fahrer des Wagens, der ihr die Vorfahrt nahm, nicht ermittelt werden. Als Fahrradfahrerin hatte sie gegen den Geländewagen keine Chance. Beim Zusammenstoß schob er sie einfach zur Seite und quetsche sie mit der Rammstange an den Ampelmast. Bis zum Eintreffen der Rettungssanitäter gelang es Helena nicht, sich selber zu befreien. Vom Fahrer fehlte jede Spur. Kurz nach dem Zusammenstoß riss er die Tür auf.

Ohne sich umzusehen, rannte er über die Straße auf die andere Seite. Wenig später verschwand er zwischen den Häusern. Der Halter des Fahrzeugs konnte von der Polizei ermittelt werden, was für Helena wenig brachte. Der Besitzer befand sich im Urlaub auf Lanzarote. Abgestellt hatte er das Auto in der Nähe vom Flughafen, im Glauben dort würde er nicht geklaut werden. Genau das aber war zwanzig Minuten vor dem Zusammenstoß mit Helena passiert.

Das einzige Geld, welches Helena bekam, stammte aus ihrer Lebensversicherung. Fahrrad fahren wollte sie nicht mehr, auch wenn es mit Sicherheit Lösungen für Einarmige gab. Ihr Schwerbehindertenausweis kam ihr wie ein schwacher Trost für die entgangene Lebensfreude vor. Immerhin konnte sie kostenlos mit der Bahn fahren. Sogar die Mitnahme eines Gepäckstücks war gestattet. Trotz des eindeutigen Hinweises stellte sie den Koffer vor den Feuerlöscher. Was sollte auch schon passieren.

Und schließlich war sie behindert, wie sie trotzig in Gedanken hinzufügte. Unangenehm würde es nur, wenn jemand auf die Idee käme, den Koffer zu öffnen. Helena stellte sich dem Gesichtsausdruck der Person vor. Irgendwo zwischen Neugier, Überraschung und Entsetzen. Genau in dieser Reihenfolge. Im Koffer befand sich ein linker Arm. Genauer gesagt der linke Arm eines Mannes.

Sorgfältig in Plastik eingewickelt, nach dem Helena ihn von seinem noch lebenden Besitzer abgetrennt hatte. Den Verursacher des Unfalls ausfindig zu machen, war schwer gewesen. Aber nicht unmöglich. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

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