Abstellgleis für Wartenden

Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Manche nehmen es zu wörtlich und kündigen wortlos Freundschaften auf.

Manchmal wir man von anderen Menschen mangels Interesse auf dem Abstellgleis entsorgt. Krisen zeigen uns den Wert wahrer Freundschaft auf.

Kleiner werdende Kreise

Gedanklich befinden sich meine Frau und ich schon in Ostfriesland — zumindest an guten Tagen hilft die Vorstellung durch den von der Corona-Krise nach wie vor geparkten Alltag. Tatsächlich warten wir auf eine Entscheidung. Auf die positive Mitteilung, dass es endlich geklappt hat mit der Versetzung. An den schlechten Tagen zieht uns das Warten runter. Stunden, die zur Qual werden. Gleichförmige Tage. Nicht mal Regen ist uns hier in Köln vergönnt. Es gibt bereits erste Meldungen über einen weiteren Hitzesommer. Genau so einen wollten wir eigentlich durch den Umzug auch vermieden haben.

Während wir warten, werden uns ein paar Dinge klar. Etwa, wie viele Freunde und Bekannte wir hier in Köln zurücklassen werden. Erstaunlicherweise deutlich weniger als angenommen. Das meinte ich „kleiner werdende Kreise“. Menschen, von denen man dachte — plötzlich hört man nichts mehr von ihnen. So als ob man uninteressant geworden wäre. Oder noch deutlich, aufs Abstellgleis geschoben worden ist.

Dort steht man nun auf dem Abstellgleis, nicht nur weil bestimmte Aktivitäten durch die Kontaktbeschränkungen nach wie vor nicht möglich sind. Sondern auch, weil man die Absicht verkündet hat, Köln den Rücken zu kehren. Man ist nicht mehr interessant, nicht mehr nützlich. Freunde in der Not, tausend auf ein Lot. Einer der Sprüche meiner Großmutter, welcher mir aktuell wieder in den Sinn kommt.

Andere halten Abstand

Andere halten Abstand

Entkomme dem Abstellgleis

Einige Kontakte habe ich allerdings auch selber abgekoppelt. Etwa, weil ich mich nicht auf den Arm nehmen lasse. Wer Fotos von sich bei Facebook in illustrer, nicht familiärer Runde postet, muss die Verantwortung selber tragen. Auch Menschen, die den Virus nicht ernst nehmen, habe ich keine Lust. Vor allem fühle ich mich bei solchen Fotos wie der letzte Depp, weil ich mich an die Regeln halte. In der Hinsicht steht man dann für andere auf dem Abstellgleis, weil man vernünftig ist.

Bleiben wir noch etwas bei der Metapher. So ein Abstellgleis kann auch eine positive Seite haben. Nämlich dann, wenn es nicht zum Abstellen von Zugteilen verwendet wird, sondern zum Rangieren. Etwa dann, wenn der Zug die Richtung wechseln soll.

Das mit der Richtung trifft ja auf uns zu. Mit der Bahn kann man von Köln aus nicht nur bis nach Emden fahren, sondern bis ganz ans Ende. Emden-Außenhafen heißt die letzte Station, von dort aus fahren die Züge nur noch wieder zurück in die andere Richtung. Dafür kommt man dann vom Außenhafen mit der Fähre rüber auf Borkum. Dort wäre ich noch viel lieber dauerhaft. Weit weg von Menschen, die mich bereits vergessen haben.

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