Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Schlachthöfe unter Verdacht

Wir essen zu viel und zu billiges Fleisch. Die Verantwortung für die Missstände in den Schlachthöfen geht auch auf unser Konto.

Seit ein paar Tagen gelten Schlachthöfe als neuer Verbreitungsherd für Covid-19. Die Corona-Krise bringt verdrängte Missstände hervor.

Zeig mir dein Fleisch!

Schlachthöfe, die zu Brennpunkten für Neuinfektionen mit Covid-19 werden. Ein Aufschrei geht durch Deutschland. Allerdings zum falschen Zeitpunkt. Es grassiert nicht nur das Virus, sondern extrem schlechte Arbeitsbedingungen bei den Beschäftigten. Die Corona-Krise bringt nur ans Licht, was viele von uns über Jahre verdrängt haben.

Es ist Zeit damit aufzuhören, uns selber zu belügen. Billiges Fleisch hat seinen Preis, in jeder Hinsicht. Wer die Zeichen an der Wand lesen wollte, konnte das schon lange erkennen. Die Schlachthöfe sind nur ein Teil des Puzzles. Das ganze Bild lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wir essen zu viel und und zu häufig Fleisch. Das ist gleichzeitig mit der Haltung verbunden, es möglichst günstig kaufen zu können. Genug ohne Reue funktioniert in diesem Zusammenhang jedoch nur, wenn man die Produktionskette von Anfang bis Ende völlig ausblendet.

Es fängt an mit Haltung und Aufzucht der Tiere, wie wir später zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbreitet auf den Teller haben — was wirklich in Wurst drin ist, wissen nur wenige von uns.

Artgerechte Haltung, gesundes Futter sind teuer. Bis zum Zeitpunkt der Schlachtung glückliche Tiere wirken sich auf den Fleischpreis aus. Als Nächstes kommen die Transporte zu den Schlachthöfen. Zum Teil über weite Entfernung und unter unnötigen Qualen für die Tiere.

Schlachtindustrie in Deutschland

Quelle Foto: DGB / einblick

Ausbeutungsbetriebe Schlachthöfe

Zu den Stichwörtern „Arbeitsbedingungen Schlachthöfe“ finde sich duzende Einträge bei Google. Artikel, lange bevor jemand wusste, was Covid-19 ist. Gravierende Verstöße gibt es nicht nur bei der Hygiene, sondern auch im Umgang mit den dort arbeiteten Menschen. Scheinselbstständige, Akkordarbeit, Niedriglohn, Subunternehmer. Die Liste mit den Defiziten ist lang, sehr lang. Dazu kommen Tiere, die nicht korrekt betäubt wurden und somit bei Bewusstsein geschlachtet werden. Das wird alles in Kauf genommen, weil es schnell und billig sein muss.

Den Preis dafür zahlen nicht nur die Tiere, sondern auch die in den Schlachthöfen Beschäftigten. Insbesondere Arbeitnehmer aus Osteuropa arbeiten zu katastrophalen Bedingungen. Mit ihrer Not wird Profit gemacht. Nicht nur am Arbeitsplatz läuft es dabei übel, sondern auch in Sachen Unterbringung. Oft leben viele der Beschäftigten in Massenunterkünften. Sie sind, so die Süddeutsche Zeitung in einem Bericht vom 11. Mai 2020, häufig der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt.

Gerade wir in Deutschland sollte bei so was hellhörig werden. Unterbringung im Lager, Beschäftigte aus Osteuropa — man muss das wohl nicht weiter ausführen, um Bilder im Kopf zu erzeugen.

Es bleibt zu hoffen, dass nach der Corona-Krise die Situation in den Schlachthöfen nicht wieder in Vergessenheit gerät. Das wir endlich aufwachen und uns fragen, welche Teil Schuld wir an den Missständen tragen und wie wir das ändern können. Die Zeichen stehen leider schlecht dafür, denn vom Verband der Deutschen Fleischwirtschaft heißt es, die Arbeitsbedingungen seien nicht schuld an den Corona-Ausbrüchen. Härte Auflagen würden die Wirtschaftlichkeit viele Betriebe gefährden, daher könne man sich auch keine Einzelunterbringung der Arbeitnehmer leisten.

Ob das so bleibt oder nicht, entscheiden wir jeden Tag mit. Beim Griff ins Kühlregal genau so wie bei der Bestellung an der Fleischtheke im Supermarkt.

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