Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Lesen kommt zu kurz

Lesen um des Lesens Willen. Gerade Bücher als Garten in der Tasche könnten uns Freiräume auch während der Corona-Krise verschaffen.

Stubenarrest aus Gründen der Vernunft wäre die ideale Gelegenheit zum Lesen. Für das Abtauchen in andere Welten kann aber auch trotz viel Zeit die Zeit fehlen.

Bücher als Opfer der Krise

Mittlerweile haben die Buchhandlungen wieder auf. Die weiterhin geltenden Kontaktbeschränkungen könnte man also mit neuem Lesefutter ausfüllen. Vorher gäbe es Notdienste oder die Möglichkeit, sich mit digitalem Nachschub zu versorgen. Wie das um das Lesen bei anderen bestellt ist, kann ich nicht beurteilen. Wohl aber, wie es mir geht und ging.

Bei mir kommt das Lesen definitiv zu kurz. Nicht nur seit dem Lockdown, sondern auch vorher schon durch das arbeiten im Homeoffice. Man rotiert um tausend andere Dinge. Es fehlt die Muße, sich bewusst in einen Sessel zu setzen und einfach mal für eine Stunde oder länger in einem Buch zu verschwinden. Beim Bahnfahren ging das immer recht einfach. So gesehen war es bei mir eine Art geschützte Lesezeit.

Natürlich könnte ich abends noch lesen, aber nach einem Arbeitstag besteht dann das Bedürfnis, etwas gemeinsam mit dem Partner zu machen. Selbst an den Wochenenden ist die innere Unruhe so groß, dass ich mich auf lesen nicht konzentrieren kann. Ich bin dann schon ganz froh, wenn ich die Tageszeitung schaffe. Wobei es mir die Süddeutsche Zeitung einfach macht. Die meisten Corona-Themen überfliege ich nur. Eine Gehirnmaske, die vor schlechter Laune schützt.

Der Stapel mit ungelesenen Büchern wird indes größer.

Lesen eingeschlafen

Lesen eingeschlafen

Zeit zum lesen finden

Ganz oben auf dem Stapel liegt „Der Sprung“ von Simone Lappert. Eine junge Frau, die in den Tod springen will als Angelpunkt. Lappert erzählt Kapitel für Kapitel über andere Personen aus dem Umfeld. Ein gut geschriebener Mikrokosmos, der mich eigentlich in den Bann ziehen müsste. Da es aber eben mit dem Lesen hapert, liegt ein Lesezeichen seit Anfang März im Buch.

Ab und an sehe ich mir Bücher aus der Onleihe aus, um rein zu schnuppern. Könnte mich das Thema interessieren, möchte ich das Buch kaufen? In Evernote sammelt sich bereist eine unanständig hohe Anzahl an Buchtipps aus der Zeitung an. Darunter eine ganze Reihe Sachbücher.

Als Bestandteil meiner selbst fehlt mir das Lesen. Es bringt einen auf andere Gedanken, öffnet neue Welten. Gerade das, was einem in einer Krise gut bekommen würde. Vielleicht muss ich mir selber einen Ruck geben. Einen geeigneten neuen Leseort suchen. Auf keine Fall aber Lesezeit im Kalender einplanen. Den Zwang schreckt nur ab, das hat schon mit mir und Büchern ganz früh nicht funktioniert. Erst als aus dem Muss ein Kann wurde, verwandelt ich mich in einen Bücherwurm.

Möglicherweise gibt es doch einen Zusammenhang zwischen Buchhandlungen, dem Geruch gedruckter Worte und der Zeit, die man mit Büchern lustvoll verbringt.

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