Öffnungsdiskussionsorgien vermeiden

Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte gestern die Öffnungsdiskussionsorgien. Als bemerkenswerter Ausdruckes ihrer eigenen Frustration.

Kanzlerin der Krise

In Bezug auf unsere Bundeskanzlerin beziehungsweise unseren Bundeskanzler hätten wir es echt schlechter treffen können. Ganz ehrlich, meiner Meinung nach macht Angela Merkel ihren Job gut. Das sag ich als jemand, der hier im Blog ihre Kanzlerschaft lange kritisch begleitet hat — auch ihren Podcast. Aber seit „Wir schaffen das“ sehe ich Merkel in einem anderen Licht. Ihr zurückhalten, pragmatische Art gefällt mir. Auch, dass sie im Gegensatz zu den vielen Alpha-Männchen wohltuend anders wirkt. Emotionen in der Öffentlichkeit zu zeigen, so liest man häufig, sind nicht ganz ihr Ding. Sie kann daher auch ihren Unmut in der Regel beherrschen.

Wenn Angela Merkel also die Öffnungsdiskussionsorgien kritisiert, dann brodelt es ziemlich in ihr. Das kann ich gut nachvollziehen, denn sie gilt als rational und abwägend. Die von ihr mitgetragenen Einschränkungen im öffentlichen Leben betrachtet Angela Merkel als sinnvoll und notwendig zur Eindämmung der Infektion. Sie stellt Menschenleben über politisches so wie wirtschaftliches Kalkül. Die vorsichtigen Lockerungen sind ein Vertrauensvorschuss — verbunden mit dem Risiko eines Rückfalls. Niemand dürfte ein Interesse daran haben, dass aufgrund wieder steigenden Infektionen die Lockerungen zurückgenommen werden müssen. Dennoch gibt es, wie Merkel es so treffen formulierte, Öffnungsdiskussionsorgien.

Öffnungsdiskussionsorgien mit Masken

Masken hängen zum trocknen

Laschet und die Öffnungsdiskussionsorgien

Im Blick gehabt haben dürfte die Bundeskanzlerin bei ihrer Kritik wohl auch Armin Laschet, den Ministerpräsidenten in NRW und einer der Kandidaten für den Parteivorsitz der CDU. Für Laschet können die Öffnungen nicht schneller genug gehen. Mich hat das gestern bereits aufgeregt, wie schnell man in NRW glaubt, zurück zur Normalität kehren zu können.

Die Diskussionen darüber, wer wann wieder öffnen darf, sind im Großen und Ganzen wenig hilfreich. Genau so wie der Glaube dran, statt auf Verbote auf Einsicht zu setzen. Meiner Meinung nach ist Vernunft auch gerne in Städten wie Köln Mangelware. Dafür lieferte des Kölner Stadtanzeiger online gestern einen guten Beleg.

„Geschäfte wieder geöffnet— Kölner Innenstadt und Veedel füllen sich mit Leben“. In der Einleitung dann ein Text, der für sich selber spricht:

Hurra, ich bin endlich wieder auf einer Straße, auf der Menschen sind!“ Kundin Monika Dumm hat sich auf der Dürener Straße im „Anziehend“ gleich mal eine Hose gekauft. „Ich gehöre ja zur Risikogruppe und bin mir nicht ganz sicher, ob es richtig ist, rauszugehen. Aber das musste einfach sein.“

Die Kundin heisst vermutlich wirklich so. Weiter unten im Artikel heisst es, die letzten fünf Wochen seien hart gewesen. Hat mal jemand mit den Menschen etwa in Italien gesprochen? Dagegen waren die letzten fünf Wochen bei uns harmlos. Die Wirtschaft dort wird sich auch garantiert nicht so schnell erholen wie unsere. Aus dem Grund sind die Deutschen vermutlich auch gegen Corona-Bonds. Auch in der Krise ist jeder sich selber der Nächste. Abstand halten kann man halt auch anders interpretieren.

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