In einer Siedlung voller Karnickelfreunde fühlt man sich kinderlos ausgegrenzt. Schmerzliche Erfahrungen am Rande der Corona-Krise.

Bis zum Anschlag

Jeden Morgen der letzten Tage wache ich gegen acht Uhr auf, weil die Sonne bereits ins Schlafzimmerfenster rein scheint. Normalerweise gäbe es für mich nichts schöneres, als auf diese Weise den Tag zu beginnen. Leider aber ist Sonne genau das, was ich momentan Nichthaben möchte. Regen, zwei Wochen oder zumindest ein paar Tage. Das ist es, was ich mir abends vorm Einschlafen wünsche. Regen, damit endlich mehr Menschen verdammt noch mal zu Haus bleiben.

Hier in der autofreien Siedlung wird nämlich Nachbarschaft und Nähe bis zum Anschlag ausgereizt. Kontaktverbot und Social Distance? Von wegen. Gestern am späten Nachmittag saß eine illuster zusammengewürfelte Gruppe direkt vor unserem Hause. Nach wie vor spielen Kinder in größeren Gruppen zusammen, als wäre das alles nur ein Scherz. Absolution erhofft man sich dann durch das gelegentliche Klatschen abends um 21 Uhr. Von uns wird wie selbstverständlich Verständnis erwartet. Schließlich haben die Nachbarn Kinder und wir nicht. Aus welchen Gründen meine Frau und ich kinderlos sind, spielt hier keine Rolle. Es ist ein Zustand, an dem wir nichts ändern wollen und werden. Wohl aber daran, mit wem wir künftig zusammen wohnen wollen.

autofrei und kinderlos

Kinderlos freihalten

Keine Nachbarn kinderlos

Nur sehr wenige Nachbarn um uns herum sind selber kinderlos oder aber begegnen uns auf Augenhöhe, obwohl wir keine Kinder habe. Durch die aktuelle Situation spüren wir das viel deutlicher und stärker als vorher. Ehrlich, der Zustand hat sich ins für nur schwer zu Ertragende entwickelt.

Irgendwann wir die Corona-Krise vorbei sein, sicher. Aber das Verhalten der Nachbarn werde ich nicht vergessen. Sollte ich auch nicht, denn aufgrund ihres Asthmas gehört meine Frau zur Risikogruppe. Das rücksichtslose Verhalten der Nachbarn gefährdet ihre Gesundheit.

Was wir über die letzten Monate mit uns herumgetragen haben, was wir für Eindrücke sammelten: Es ist mittlerweile zu einem schweren Paket geworden. Kinderlos zu sein in einer extrem kinderreichen Umgebung ist nur ein Teil davon. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo uns klar wird, auf Dauer unser Wohnumfeld verändern zu müssen. Die gewählte Autofreiheit ist zu einer Sackgasse geworden. Wir, die sonst alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erledigen konnten, sind mehr oder weniger gefangen in der Wohnung. Das wird zu einer psychischen Belastungsprobe.

Gerade merke ich, dass meine Konzentration schwindet, die Gedanken abschweifen lassen. Es wundert mich angesichts des sich ansammelnden Schlafmangels nicht. Ein Lichtblick, das wäre jetzt schön. Oder noch besser, Regenwolken am Himmel.

4 Kommentare

  1. Mir kommt seit einigen Tagen öfter der Gedanke: Was würde diese spezielle Klientel in einem Krieg machen?! Ihre Kinder eines Tages umbringen, weil die Ausgangssperre als „nicht mehr zumutbar“ empfunden würde? Oder gleich die komplette Familie?
    Wenn diese Gesellschaft heute eines ist, dann: Maßlos verwöhnt, gleichzeitig unzumutbar egomanisch, und nicht mehr strapazierfähig. Viele sind heute auch schlicht unfähig, sich an Regeln zu halten. Es hat etwas von schwererziehbaren Kindern.
    Für euch beide tut es mir leid, diese Defizite in der Nachbarschaft jetzt voll ertragen zu müssen!

    Ich schicke einfach unbekannterweise ein „Augen zu und durch!“ und stay healthy!

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