Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Das Corona-Virus hält Deutschland immer fester umklammert. Am Rand der Gesellschaft wird man dadurch noch stärker unsichtbar.

Ansprache der Bundeskanzlerin

Die Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern Abend im Fernsehen empfand ich als deutlich und stark. Meiner Meinung nach hat sie in dieser Krise die richtigen Worte gefunden. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“— Genau das wünsche ich mir aktuell von meinen unbekümmerten Nachbarn. Ihre Ansprache enthielt auch den Appell, sich an die Regeln zu halten. Eine Ausgangssperre kündigte nicht an, wohl aber, dass die Maßnahmen bei Bedarf verschärft werden könnten. In Bayern ist man gerade dabei, die Ausgangssperre auszudehnen. Leider funktioniert das mit dem an Regeln hatten auch bei erwachsenen Menschen nicht so gut.

Die Erfahrungen seit Anfang dieser Woche haben mich ziemlich traurig gemacht. Mein Grundvertrauen in die Menschen ist weitestgehend verschwunden. Was ich erlebe, ist rücksichtsloser Egoismus. Der Corona-Virus kann jeden treffen. Heute Mittag hatte ich ein längeres Telefonat mit einem ehemaligen Kollegen, dessen Freundin es erwischt hat. Besonders schwer fällt ihr die durch die Quarantäne verursachte Einsamkeit.

Wie gesagt, anstecken kann sich jeder. Der Virus ist unsichtbar, man sieht ihn nirgends. Auch wenn an sich an die Empfehlungen hält, ein Restrisiko bleibt. Ein Paket quittieren und mit dem Stift vom Paketboten unterschreiben — DHL zeigt, wie man so was besser lösen kann.

Unsichtbar auf der Straße

Unsichtbar auf der Straße

Obdachlose werden unsichtbar

Bei den ganzen Meldungen, Nachrichten und Videos zum Corona-Virus und seinen Auswirkungen habe ich etwas vermisst. Obdachlose scheinen komplett unsichtbar geworden zu sein. Über ihre Situation habe ich nichts gefunden, obwohl sie mit Sicherheit ziemlich anfällig sein dürften. Nicht nur in Bezug auf den Virus, sondern auch aufgrund der bereits jetzt getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung.

Wenn es heißt, man solle zu Hause bleiben, wo bleibt dann ein Wohnungsloser, der auf der Straße lebt?

Menschen, die schon vorher für viele von uns unsichtbar waren, weil man über sie einfach hinweg sah, werden jetzt komplett ausgeblendet. Genau so verhält es sich mit den Flüchtlingen an unseren Grenzen. Die sind jetzt dicht, auch zur Eindämmung der Ausbreitung. Menschen, die ehedem schon in Not sind, trifft das sehr hart. Und dann werden sie auch noch im Strom der Meldungen und Nachrichten unsichtbar. Wer liest schon was über syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, wenn überall über die Auswirkungen der Corona-Krise im eigenen Land berichtet wird.

Das Virus droht zunehmend, unsere Mitmenschlichkeit zu töten. Solidarität schwindet, einzelne spektakuläre Aktionen können das nicht verhindern. Egal wie lange die Pandemie anhält, eins steht jetzt bereits fest. Wir werden hinter in einem anderen Land leben.

2 Kommentare

  1. Du sagst es! Dazu kommen dann noch diejenigen, die im Obdachlosenheim tatsächlich ein Bett haben. (In der Regel Doppelzimmer im Haus Sebastian plus Gemeinschaftsbad.)
    Von denen, die ohne alles auf der Straße nächtigen, kann man sich ohnehin nur schlecht ein Bild machen.

    Falls Du davon nicht sowieso schon gelesen hast, kursiert eine Petition zur Hilfe für Flüchtlinge und Obdachlose: https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/leavenoonebehind/

    Frau Merkels Rede war in meinen Augen inhaltlich durchaus ok. Sie hätte jedoch besser ein Ultimatum mit eingebaut. In keinem anderen Land, in dem die Ausgangssperre verhängt worden ist, hat es so viel Theater um diesen Punkt gegeben. Auch heute sind hier die Menschen unvernünftig gewesen. Ohne Handschuhe und/ oder Mundschutz unterwegs. Kinder von Nachbarn zum Spielen eingeladen (mit dem Balkon hat man einen Logenplatz *schmunzel*). Wieder gehamstert. Rücksichtslos wurden andere umgerannt.

  2. Bisher gibt es ja erst in Italien, Spanien, Frankreich und Belgien Ausgangssperren. Ich finde, „Theater“ ist nicht die richtige Vokabel für die Überlegungen zu Ausgangssperren. Ich wäre persönlich auch sofort dafür. Aber ich kenne andere, die das völlig anders beurteilen. Traurig, dass wir gerade jetzt kaum an die Menschen denken, die zum Beispiel obdachlos sind. Andererseits ist es als sehr positiv zu betrachten, dass in dieser Krise global eine Minderheit (Alte, Kranke) durch die Entscheidungen der Politik im Namen der Mehrheit geschützt werden. Nach Harald Welzer, der diesen Aspekt in einer Talkshow hervorhob, sei dies in der gesamten Menschheitsgeschichte ein einmaliger Vorgang.

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