Als Huhn ist man seit Menschengedenken im Nachteil. Ereignis wie Virusausbrüche und Lebensmittelskandale vom Eier verschärfen die Situation.

Verklärte Wirklichkeit

Ein bekannter Ohrwurm Comedian Harmonists ist die Cover-Version des UFA-Filschlagers „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn“. Darin heißt es so rührend wie falsch:

Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn, ich hätt‘ nicht viel zu tun, ich legte vormittags ein Ei und abends wär‘ ich frei.

Mit der Realität hatte das Lied vermutlich bereits schon zur Entstehungszeit nicht viel gemeinsam. Frei sind Hühner wohl kaum. Spätestens seit der industriellen Käfighaltung in Legebatterien würde wohl kein Sänger freiwillig mit einem Huhn tauschen wollen. Eier sind eine lukrative Ware und werden weltweit in Massen gebraucht. Um die Dimensionen zu begreifen, muss man sich von der Vorstellung eines klassischen Frühstückseis lösen.

Eine nahezu unendliche Vielfalt von Teigwaren kommt genau so wenig ohne Eier aus wie zahlreiche andere Produkte. Man muss nur seinen wöchentlichen Einkauf nehmen und sich die Zutatenliste ansehen. Selbst in meiner vegetarischen Fleischwurst sind Bestandteile von Hühnereiern enthalten.

Der große Bedarf führt zu unwürdigen Bedingungen in der Haltung. Längst ist das kein Geheimnis mehr. Mit dem Begriff „Legebatterien“ verbindet jede von uns sofort eine ziemlich genaue Vorstellung. Das eigene Konsumverhalten kann mitunter nur wenig daran ändern.

Eier als Massenprodukt

Eier als Massenprodukt

Abgelaufen Eier im Handel

Auf dem Wochenmarkt, beim Bauern unseres Vertrauens, im Bioladen oder auch in einem ganz normalen Supermarkt— niemand von uns würde abgelaufen Eier kaufen. Erst recht nicht dann, wenn sie kaputt sind und bereits vergammeln.

In der Industrie sieht das Ganze freilich anders aus. Dabei müssen wir uns von der Vorstellung trennen, für Nudeln oder andere Teigwaren würden etwa Hühner-Eier frisch aufgeschlagen. Der Hersteller bekommt in der Regel die erfreulichen Zutaten wie etwa Eigelb in Kanister angeliefert. Einer der größten Hersteller in Europa dafür ist die österreichische Firma Pro Ovo. Diese ist mittlerweile in einen handfesten Lebensmittelskandal verwickelt. Die Zustände bei der Verarbeitung des Rohmaterials sind mit „ekelerregend“ noch eher untertrieben beschrieben.

Laut Süddeutscher Zeitung wurden dort nicht nur abgelaufen Eier, sondern auch deren Verpackung mit verarbeitet. Auch ausgelaufenes Eigelb wurde vom Boden aufgesucht und benutzt. Schimmel, Maden, Föten — alles schön vermischt und in Kanistern verkauft.

Im wahrsten Sinne des Wortes ist dieser Betrug zum Kotzen. Vor allem auch deshalb, weil die zuständigen Behörden mehr oder weniger bewusst jahrelang weggesehen haben.

Was nützt es mir als Verbraucher, Eier aus Freiland-Bodenhaltung von glücklichen Hühner zu kaufen, wenn ich bei fertigen Produkten keine Ahnung habe, unter welchen Umstände dort das Hühnerei hinein gelangt ist?

6 Kommentare

  1. Direkt Deine abschließende Frage aufgegriffen: Gar nicht!

    Mir schossen direkt mehrere Erlebnisse durch den Kopf, zwei davon sind Peinlichkeiten zu meinen Lasten.

    September 2009: Eine Bekannte, als Tierwirtin engagiert, lebte direkt neben dem Hühnerstall. Man mußte nur im „Flur“ eine Türe öffnen, dann noch eine, da sah, roch und hörte man all die Bodenhaltung. Mir wurde so schlecht. Jaaaa, sie hätten alle Beinfreiheit gehabt – wenn es nicht so viele in der Halle gegeben hätte! Außerdem war Tageslicht nur zu erahnen. Die Oberlichter hatten schon lange keinen Putzlappen mehr gesehen.

    zwischen 2015 und 2017: Unser einer kleiner Edeka hat zwischen den „gesunden“ (heilen) Eiern auch immer wieder angebrochene. Nicht unbedingt Gerade-eben-Angebrochene, sondern schon Ein-wenig-älter-Angebrochene. Vom Vorabend zum Beispiel. (Meine Fundstücke vermissen die dort sicherlich nicht. Mit Meldungen an die Mitarbeiter, macht man sich nämlich nicht beliebt. Ich gehe dort seit 2017 denn auch nicht mehr dort einkaufen.)

    Sommer 2019: Von mir wird ein Rührei beim Lieblingsbäcker-Café bestellt. Beim ersten Mal habe ich es nicht gesehen, auch beim zweiten nicht. Bei Nummer drei schon. „Was machst du jetzt?!?!?“. Die Mitarbeiter hinter der Theke müssen sowieso schon aufpassen, wem sie was sagen, sonst gibt es die Kündigung? Egal ist es den meisten auf alle Fälle. Es gab Flüssigei aus der Flasche (!), während die andere Bäckerei 100 m weiter teils „frische“ verarbeitet. Und dank aufklärungswilligen Aktivisten und Journalisten wissen wir, auch die im Ganzen, sind nicht unbedingt mehr frisch zu nennen. – Eier-Horrormeldungen gibt es regelmäßig, was Du da beschrieben hast, ist so ziemlich die Ekelspitze!!

    Auf Eier verzichte ich seit dem persönlichen Flüssigei-Gate sehr gerne wieder. Vorher gab es ein-, zweimal im Jahr welche.

    Eine Bekannte hatte mir 2015 von ihren Hof- und Gartenhühnern zehn mitgegeben. Kein Vergleich zu dem, was in der Industrie abgeht. Sie schmeckten auch noch drei Wochen später. Trotzdem gehe ich seit letztem Jahr an keine mehr heran. Auch nicht an die angeblichen BIO-Eier.

    Dazu noch eine Anekdote, dann hast Du wirklich einen halben Roman hier:
    Meine Mutter war gerade mal drei, vier Monate hier. Dann fuhr sie nach der Entbindung heim (ich glaube, da hatte sie mich auch dabei, kann sie aber nicht mehr fragen). Ihre Familie – d. h. vor allem Omi – hatten noch den Hühnerstall samt Hühnern. Sie meinte dann Jahre später, sie hätte die natürlichen Eier nicht mehr vertragen, da es in Deutschland nur die Industrieeier gab, und hätte sich übergeben, 1981! Das ist doch traurig!

    Wir werden auch noch öfter mit der Eierindustrie zu tun haben.
    Und mit der Kunststoffindustrie.
    Das Schwein, Henne und Rind bestialisch geschlachtet werden.

    Damit kann man Bücher füllen. Und jetzt habe ich Dich zugetextet.

    1. Och, zutexten ist nicht schlimm. Ich freue mich ja, wenn überhaupt kommentiert wird :-)

      Was Eier angeht, kenn ich ziemlich gut den Unterschied. Fürher hatten meine Eltern eine Zeit lang auch Hühner bei uns zu Hause. Das waren dann Eier von wirklich freilaufende und glücklichen Hühnern — letzteres allerdings nur bis zur Schlachtung.

      Wir versuchen, bei Eiern möglichst Bio und möglichst auch von uns bekannten Erzeugern einzukaufen. Das Problem sind dann die Eier, die irgendwo drin sind…

  2. Dann hast Du heute ein wenig zu tun. =D

    Du kannst immerhin nachvollziehen, wie es Mutsch damals ging. Ein Glück, auf das viele heute nicht mehr zurückblicken können.
    Hier müßte ich mich mal umhören, leider ist Bonn noch nicht dörflich genug, daß hier jemand in seinem Garten ein paar Hühner halten würde. Und auf die als Bio deklarierte Ware auf dem Wochenmarkt, möchte ich mich aus Gründen nicht all zu sehr verlassen. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Im Ökojahr hatte uns ein Bauer sehr freimütig über Bio und die Auslegungen dazu erzählt.

    1. Beruflich habe ich am Rande mit dem Thema „Tierwohl“ zu tun. Da ist ebenso wie die Sache mit den Öko-Eiern ein großes Fass. Dinge wie Leihhühner finde ich nicht so gut, aber es gibt Paten-Hühner.

  3. Womit genau beschäftigst Du Dich in dem Bereich dann, wenn auch nur am Rande?
    Nein, an Hühnerleihe habe ich nicht nur nicht gedacht, davon lese ich gerade zum ersten Mal! Erzähl, wie findet man Paten-Hühner? – Hühnereier im privaten Rahmen kaufen, das wäre schon was. So, wie manche ihre Gartenüberschüsse direkt vor der Haustüre für einen angemessenen Preis anbieten.

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