Selbsttäuschung Autofreiheit

Selbsttäuschung Autofreiheit

Der völlige Verzicht auf ein Auto ist mitunter eine Selbsttäuschung. Dabei kann empfunden Freiheit zu einem Gefängnis werden.

Tage in Emden

Allerheiligen in Emden empfanden meine Frau und ich als echtes Erlebnis. Zudem als Augenöffner, aber dazu später mehr. Bisher kannten wir von Emden lediglich den Bahnhof. Auf dem Weg nach Borkum hielt dort der Zug immer etwas länger, bevor es Richtung Außenhafen weiterging. Von dort aus sahen wir dann nur den Weg zur Fähre. Die Stadt selber blieb uns so unbekannt. Dabei hat Emden, als Venedig Ostfrieslands, einiges zu bieten.

Mit etwas über 50.000 Einwohner ist es zwar nur eine Kleinstadt, aber hat zwei berühmte Persönlichkeiten, die gerade Menschen in meiner Generation kennen sollten. Sowohl Karl Dall als auch Otto Waalkes sind in Emden geboren. Insbesondere Otto ist in Emden sehr präsent. Es gibt zwei Fußgängerampeln mit einem grünen Otto, das Otto Huus und ein Gymnasium, auf das er zur Schule gegangen ist. Es liegt malerisch an einer der „Grachten“, die Emden durchziehen. Ein Besuch im Otto Huus lohnt sich auf jeden Fall. Absolutes Highlight in der Stadt ist jedoch die Kunsthalle Emden — die mit ihrer Ausstellung „Kosmos Janssen“ auch der Hauptgrund für unseren Besuch der Seehafenstadt war.

Befreiung von der Selbsttäuschung
Fischermädchen in Emden

Erkenntnis der Selbsttäuschung

Wer den Universalkünstler Host Janssen nicht kennt, sollte sich unbedingt mal mit ihm beschäftigen. Natürlich führten uns unsere Wege durch Emden auch zu Thiele, wo wir uns mit echtem ostfriesischen Tee eindeckten. Erstaunlicherweise vertrage ich den erheblich besser als den feinen Darjeeling der Teekampagne — warum auch immer. Kann auch eine Selbsttäuschung, aber das nicht die, von der ich eigentlich erzählen möchte.

Meinen Führerschein machte ich in der Oberstufe. Zum Abitur hatte ich die Wahl zwischen Auto und Fahrrad. Für Letzteres entschied ich mich aufgrund einer vierwöchigen Reise durch Schottland. Damit begann eigentlich meine Selbsttäuschung in Bezug auf Autos.

Im Studium in Bielefeld benötigte ich kein eigenes Auto, die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist dort in Ostwestfalen recht gut. Zumindest, wenn man in Bielefeld bleibt. Beruflich ergab es sich später so, dass die Strecke für Autos zu ungünstig waren. Und schließlich hatte ich ja auch noch keins. Je länger man keins hat, desto intensiver richtet man sich in der Autofreiheit ein. Ohne das man es zunächst bemerkt, wird das zur Falle.
Der Umzug nach Köln brachte dann keine Veränderung, die Selbsttäuschung in Bezug auf ein eigenes Auto konnte ich aufrecht erhalten. Hier in der Domstadt ist bei dem Verkehr ein Auto noch überflüssiger, als in es Bielefeld gewesen ist.

Wirkliche Freiheit

Wirklich Freiheit besteht darin, auch tatsächlich unabhängig zu sein. Ein paar Tage in Emden machten mir zum ersten Mal deutlich, welcher Selbsttäuschung ich bisher erlegen war. Autofrei ist Verzicht, aber nicht immer gleichbedeutend mit Freiheit. Man wird nämlich ziemlich unfrei darin, wo man letztendlich wohnen kann. Das liegt vor allem an der Anbindung an Arbeitsstelle, Einkaufsmöglichkeiten und so weiter. Näher dran bedeutet auch zum Teil weniger Lebensqualität, wenn man Ruhe schätzt. Es bedeutet aber auch sich mit höheren Mieten oder Preisen für Wohnraum abzufinden. Ohne Auto kann man nicht frei entscheiden, wo man wohnt. Man ist nämlich tatsächlich abhängig. Dies nicht zu sehen, darin besteht die Selbsttäuschung.

Löst sich das wie ein Knoten im Kopf, entdeckt man plötzlich wie viele andere Möglichkeiten einem offensten. Für mich bedeutet das, Anfang nächsten Jahres einen notwendigen Auffrischungskurs in er Fahrschule zu machen. Und dann gibt es sehr interessante Leasingangebote, die einem von allem befreien. Ich muss nach wie vor kein Auto besitzen, es kommt mir lediglich auf die Mobilität an.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren