Wiederspielwert als Heiliger Gral

Wiederspielwert als Heiliger Gral

Seit 36 Jahren pilgern jährlich Brettspielverrückte nach Essen auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Der versteckt sich in Spielen etwa als Wiederspielwert.

Das perfekte Spiel

Mittlerweile komme ich mir immer häufiger etwas albern vor, wenn ich betone, wie lange ich mich schon mit Brettspielen beschäftige — aber sei es drum. Langjährige Erfahrung muss nicht immer schlecht sein. Gerade wenn sich das Rad immer schneller dreht und die Kurzlebigkeit von Spielen erschreckend zunimmt. So sollen etwa allein auf der diesjährigen Spiel in Essen über 1.500 Neuheiten gezeigt worden sein. Wenn man pro Tag zwei davon schafft zu spielen, ist man gut zwei Jahre damit beschäftigt. Und dann hat man jedes der Spiele nur einmal gespielt. Das ist selbst für einen Ersteindruck meiner Meinung nach zu wenig.

Zumindest für mich ergeben sich in der Auseinandersetzung mit meinem Hobby eine Reihe von Fragen. Zum Einen, ob es das eine, perfekte Spiel gibt, welches alle andere überflüssig macht. Quasi der Heilige Gral der Brettspiele. Dann natürlich die Frage, sofern es diesen Gral nicht geben sollte, wie umfangreich die eigene Sammlung sein darf. Und schließlich die nicht minder spannenden Frage, ob Brettspiele so etwas wie einen Wiederspielwert benötigen oder ob dieser völlig belanglos ist. Schließlich, so eine Argumentation, seinen Brettspiele Konsumgüter wie etwa Bücher. Die lese man schließlich auch nur einmal, als sei der Wiederspielwert völlig überbewertet. Schließlich kann man ja jederzeit etwas Neues, möglicherweise besseres, kaufen.

Wiederspielwert bei Newdale
Newdale — Wiederspielwert noch unklar

Goldenen Kälber und der Wiederspielwert

Kann so einfach und schnell lässt sich die Sache mit dem Wiederspielwert nicht abhaken. Man macht es sich auch zu einfach, wenn man Brettspiele mit etwa Büchern vergleicht. Ehrlich gesagt, ist das ein Vergleich, der der viel Unkenntnis der Materie zeigt. So was macht man redlich, wenn man ein Thema er oberflächlich abhandeln möchte. Ich weiß, ich lehne mich hier weit aus dem Fenster. Allerdings lese ich genau so gerne, wie ich Spiele spiele. Für mich sind Bücher und Spiele etwas völlig anderes.

Das fängt bereits damit an, dass lesen eine vornehmlich solitäre Beschäftigung ist. Die „Aufbauzeit“ ist sehr gering, ebenso der Zugang. Man muss nur lesen können. Ok, das ist jetzt etwas zu einfach, denn Buch ist nicht gleich Buch. „Der Zauberberg“ ist zum Beispiel ein ganz anderes Kaliber als „Guglhupfgeschwader“. Drücken wir es mal so aus: für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Bücher liest man in der Regel nur einmal. Das ist etwas, was ich so stehen lassen kann. In gewisser Weise sind sie Konsum- aber auch Kulturgut. Sie kosten allerdings auch etwas weniger als Brettspiele — die mittlerweile schon bei durchschnittlich 60 Euro angekommen sind.

Unselige Vergleiche

Statt im Bezug auf die mehrfache Benutzung Vergleiche zu anderen Dingen zu ziehen, möchte ich für meine Teil Brettspiele für sich alleine stehend betrachten. Ganz deutlich, meiner Meinung nach ist der Wiederspielwert eine nach wie vor relevante Größe.

Brettspiele erfordern eine Auseinandersetzung mit ihren Regeln und der zu Grunde liegenden Mechanik. Spielt man ein Spiel mehrfach, entdeckt man mitunter Feinheiten, die einem bei vorherigen Partien entgangen sind. Zudem reizt es, seine Strategie anzupassen, zu verfeinern. Oder aber etwas völlig Neues, Überraschendes auszuprobieren.

Meine These: Je häufiger man spielt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, das Spiel besser zu beherrschen. Eindeutige Belege dafür sind Go oder Schach. Im übrigen Spiele mit erheblichem Wiederspielwert.

Wer ein Spiel nur ein paar Mal spielt und es dann verstauben lässt oder wie auch immer entsorgt, behandelt sie wie einen Wegwerfartikel. Ein Grund, warum ich Legacy Spiele ziemlich daneben finde.

Bezogen auf die Neuerscheinungen wage ich mal die Aussage, nicht die Quantität, sondern die Qualität ist entscheidend. Genau so wie beim Fast Food — aber ich wollte keine Vergleiche ziehen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren