Osten mit Kosten

Osten mit Kosten

Die Wiedervereinigung Deutschlands jährt sich nun zum 29. Mal. Für die Menschen im Osten des Landes hatte sie nicht nur Vorteile.

Rückblick ins Desaster

An den Tag vor 29 Jahren kann ich mich noch ziemlich gut erinnern, genauer gesagt an die Nacht zum 3. Oktober 1990. Gemeinsam mit Freunden setzte ich unser persönlich Motto in die Tat um: besoffen in die Einheit. Das war unsere Art zu sagen, was wir von der überstürzten Wiedervereinigung hielten. Wir hatten Stofflappen gebastelt, auf der eine große BRD eine kleine DDR fraß. „Einheit, Einheit!“ skandierten wir, die Lappen schwenken.

Wie immer man auch den politischen Prozess der Wiedervereinigung auch rückblickend beurteilen wird, für uns war es ein Desaster. Ein damaliger guter Freund wurde von seiner Freundin verprügelt, weil er sich ziemlich daneben benommen hatte. Es geschah unschönen Dinge, teilweise wirklich zum Schämen. Aber wir waren jung und glaubten, links zu sein. Wir standen dazu, dass die Einheit ein großer Fehler sei.

Komischerweise trugen wir diese Überzeugung vor uns her, ohne tatsächlich mit Menschen aus Ostdeutschland gesprochen zu haben. In dieser Hinsicht unterschieden wir uns von den meisten anderen Westdeutschen, welche die Einheit begrüßten, nicht. Man sprach über die Menschen im Osten, aber nicht mit ihnen.

 

Kasper aus dem Osten
Kasper aus dem Osten

Menschen im Osten

Über den Osten des Landes weiß ich nach wie vor sehr wenig. Mein Kopf ist voller Vorurteile, Wahlergebnisse „von drüben“ machen es nicht besser. Wenn Wiedervereinigung auch bedeutet, auf die Menschen zu zugehen, habe ich persönlich 29 Jahre lang versagt. Der Einzige hier in Westdeutschland werde ich wohl nicht damit sein. Das sollte aber keine Entschuldigung werden.

Nach wie vor kenne ich verdammt wenig Menschen aus der ehemaligen DDR. Zum Osten habe ich nur wenig Bezüge. Auch emotional nicht. Für mich ist es mehr oder weniger ein abstrakter Teil auf der Landkarte. Dabei war der eine Urlaub, den meine Frau und ich an der Ostsee machten, durchaus schön. Die Menschen dort nett und offen, gerade weil es noch keine blühenden Landschaften waren.

Dennoch, wenn och mich selber frage: Nordsee oder Ostsee, ist die Antwort sehr eindeutig. Das betrifft auch sämtliche Urlaubspläne, denn einen Urlaub im Osten kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Ich denke gerade an heutigen Tag, wie sehr sich so eine Einstellung auf das Miteinander auswirkt. Man ist sich fremd, obwohl man nun schon so lange im selben Land lebt. Immer wieder liest und hört man, negatives über die ehemaligen DDR-Bürger. „Sind doch alles AfD-Anhänger, beziehen Hartz IV und trinken den ganzen Tag Bier vor ihrer Datscha“ und Ähnliches.

Anderssein anerkennen

Allen voran sollten wir uns hier im Westen eines mal ganz deutlich vor Augen führen. Die Menschen „drüben“ haben für ihre Freiheit demonstriert. Sie sind auf die Straße gegangen, haben ihr Leben riskiert. Und das sicher nicht nur für eine Handvoll Bananen.

Uns dagegen wurde alles bereits in die Wiege gelegt. Aufgelehnt gegeben den Staat haben wir uns nie so richtig, jedenfalls nicht in so massiver und ja, auch letztendlich effektiver Weise.

Die Menschen drüben sind möglicherweise anders als wir, aber auch in positiver Weise. Wenn sie am Westen verzweifeln, dann auch an unserer satten, selbstgefälligen Zufriedenheit.

Die Wiedervereinigung hat uns viel gekostet. Vor allem ein Preis scheint mir dabei viel zu hoch gewesen zu sein: Die Aufgabe der Möglichkeit, dass es eine Alternative zum Kapitalismus gibt.

Damit das nicht falsch verstanden wird, ich meine nicht das System der DDR. Sondern das, was man nach 1989 hätte anders machen können, ohne direkt die ganzen Fehler der BRD mit zu übernehmen.
Aus den vielen Kerzen der Montagsdemonstrationen wurde ein Schimmer der Hoffnung, der viel zu schnell verlosch.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren