American Factory

American Factory

Mit American Factory präsentiert Netflix eine unter die Haut gehende Dokumentation. Der Preis ist jedoch ein merkwürdiger Beigeschmack.

Berühmtheiten im Hintergrund

Aufgefallen auf Netflix wäre mir der Film wohl ganz ohne den Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 23. August. Dort wurde der Film als leise und klischeefrei bezeichnet. Besonders hervorgehoben wurde die Produktionsfirma, die hinter dem Film steht. Die nennt sich Higher Ground und gehört Michel und Barack Obama. Eigentlich tut das genau so wenig zur Sache wie der Umstand, wo genau der Film spielt. Irgendwo in den USA, klar. Aber eben in einer Region mit einer erheblichen Anzahl an Trump-Wählern und Fans — wie die SZ schrieb.

In American Factory geht es um eine ehemalige Autofabrik. Man bekommt am Anfang des Films deren Ende mit. Den letzten Tag am Band, die Arbeiterinnen und Arbeiter, die ihre Jobs verlieren werden. Die Dokumentation beginnt also mit einem Tiefpunkt. Doch es scheint Hoffnung zu geben. Ein chinesischer Investor kauft die Überreste der alten Firma auf. Künftig soll am Standort Autoglas hergestellt werden. Es klingt ein wenig nach dem Phönix aus der Asche. Ein Neustart für die Region, eine Chance für die Menschen dort. Wenn auch nicht für alle, die früher dort gearbeitet hatten.

American Factory mit Vorurteilen
Kein Aushang in der Fabrik

Chinesische American Factory

Der Investor, im Film als „Vorsitzender“ tituliert, bringt neuen Schwung aus Fernost mit. Aber auch ganz andere Vorstellungen von Arbeit und Kultur, wie American Factory nach und nach zeigt. Die ersten Tage zeigen Menschen, die wieder an eine Zukunft glauben können. Auch wenn es etwas merkwürdig für sie ist, chinesische Vorarbeiter und Vorgesetzte zu haben, die sie in einer Übergangsphase einarbeiten sollen. Der Plan des „Vorsitzende“ ist es, tatsächlich eine American Factory aufzubauen. Seine Firma, geführt nach chinesischen Grundsätzen aber mit US-amerikanischen Arbeitern und Management.

Es zeigt sich jedoch, dass dies nicht gut gehen wird. Die Unterschiede in den Auffassungen sind erheblich, Gewerkschaften dem Vorsitzenden ein Dorn im Auge. Das geht auf Kosten der Arbeiter, wie immer wieder zu sehen ist. Auch das miteinander Arbeiten der chinesisch-amerikanischen Belegschaft stößt an seine Grenzen. Schließlich werden die amerikanischen Manager ersetzt durch eine chinesische Führung.

Mit harten Bandagen wird gekämpft, um eine Gewerkschaftsvertretung zu verhindern. Entlassungen, sogar Gehirnwäsche dienen als Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Die American Factory ist zu diesem Zeitpunkt längst kein Musterbetrieb mehr.
Man kann die Vorurteile der Chinesen zum Teil lustig finden. Oder daran eine Art Imperialismus der übelsten Form entdecken.

Bitterer Beigeschmack

Sehenswert ist American Factory auf jeden Fall. Mir persönlich ist aber die Stoßrichtung noch nicht so ganz klar. Auf der einen Seite zeigt der Film die Ausbeutung der Arbeiter, aber andererseits nährt beziehungsweise bestätigt er Vorurteile. Die Chinesen kommen nicht gut weg. Das dürfte Leuten wie dem US-Präsident Donald Trump eigentlich gefallen. Die Parole „America First“ wird zu „Americans First“. Ich habe dabei das Gefühl, dass die Obamas damit Trump sogar den Rücken stärken.

2 Replies to “American Factory”


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    Horst sagt:

    Vielleicht ist die Intention die, uns zu zeigen, mit welch ungeheuren Verwerfungen wir es in der Zukunft zu tun bekommen. Die Lage der Menschen im Rust Belt sind seit Jahrzehnten nicht gut. Die Präsidenten vor Trump haben ihre Lage ignoriert. Vielleicht wurden während der Wahlkämpfe Dinge versprochen, die nie umgesetzt wurden. Das Signal wurde so begriffen, dass sie es nicht einmal versucht haben. Das ist der Grund dafür, dass Trump dort gewählt wurde. Interessant, dass eine Produktionsfirma der Obamas gerade diese verlorene Region für die Doku ausgesucht hat.

    Schaut man sich die Expansionspolitik der Chinesen an und die damit verbundenen und wachsen Optionen wird mir Angst und Bange. Die unterschiedliche Mentalität wird Verlierer hervorbringen. Es werden nicht die Chinesen sein. Gerade Europa gerät durch chinesische Investitionen immer stärker in eine mit den USA vergleichbare Lage. Die Fortschritte in unserer Arbeitswelt wurden seit der Agenda Schröders schon hinreichend ins Gegenteil verkehrt. Was könnte es bedeuten, wenn die chinesischen Investoren erst begriffen haben, dass Europa mit seinem gewaltig zunehmenden Lohngefälle eine geeignete Werkbank für ihre Produkte sein könnte? Dass die Asiaten eine andere Einstellung zur Arbeit haben, weil sie ganz anders „erzogen“ wurden, zeigen ja u.a. auch die Japaner. Für viele Chinesen ist dieser Bereich auch noch neu. Aber sie werden schon ihre Schlüsse daraus ziehen. Wir sind ihnen auch diesbezüglich erst einmal unterlegen.

    Ich glaube weniger, dass die Obamas Trump den Rücken stärken wollten. Trumps Handelskrieg mit China hat ja befasst sich eigentlich ja mit anderen Dimensionen. Dass „American Factory“ nicht unbedingt als Erfolgsmodell dasteht, steht nicht im Gegensatz zu Trumps America First – Projekt. Die Amerikaner werden die industriellen Schwerpunkt früherer Jahrzehnte nicht wiederbeleben können. Daran ändern ausländische Investoren auch nichts. Wenn sie sich dann fast wie Kolonialmächte aufführen, macht das wohl alle nachdenklich, die mit diesem Vorgehen so direkt konfrontiert werden. Wenn ich an die vielen Projekte der Chinesen in Lateinamerika und Afrika aber auch in Europa denke, wird mir ganz anders.


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      tboley sagt:

      Du sprichst einen wichtigen Punkt an: Projekte der Chinesen in Lateinamerika und Afrika
      Darüber habe ich vor längerer Zeit auch mal eine Doku gesehen. Mir wurde auch ganz anders. Die führen sich tatsächlich so auf, wie frühere Kolonialmächte.

      Die Chinese werden sicher nicht zu den Verlierern gehören und sind gerade dabei, den Spieß umzudrehen.

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über Thomas Boley


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Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren