Oma mit Blub

Oma mit Blub

Wie jedes Jahr vor Ostern stand Hedwig früh auf, um im Supermarkt um die Ecke einzukaufen. Wie immer musste auch der Spinat mit dem Blub in den Einkaufskorb.

Drei Jahre Einsamkeit

Hedwig trank noch den letzten Schluck Kaffee, bevor sie sich vollständig anzog. Das widerspenstige weiße Haar, welches ihr verblichener Heinz so gemocht hatte, brachte sie mit der Bürste in Form. Drei Jahre lag Heinz schon unter der Erde. Seit zwei Jahren auch Helga, ihre beste Freundin. Als hätten sie sich abgesprochen, waren beide um die Ostertage herum gestorben. Dabei konnten die beiden sich zu Lebzeiten nicht leiden. Hedwig stellte sie gemeinsam auf einer Wolke sitzend vor, zu ihr herunter blickend während sie stritten, so wie früher.

Wer der richtige Mann für sein würde, hatte Hedwig genau so gut selber gewusst, wie sie auch den Wert ihrer besten Freundin geschätzt hatte. Keiner von beiden brauchte ihr da etwas einzureden. Beide fehlten ihr, auf ihre eigene Art.

Mit dem Schlüssel in der Hand zog Hedwig leise die Tür zu, wie wenn Heinz noch im Bett schlafen würde. Was er nach seiner Pensionierung häufiger morgens getan hatte, während Hedwig schon mal einkaufen ging. Sie zog es immer schon früh raus. Mittlerweile blieb sie aber nie lange fort. Laufen wurde immer anstrengender. Die Luft knapp und Menschen ihr fremder.

Ostern mit Blub
Plastik Ostern

Zu klein für den Gefrierschrank

Selbst um diese Uhrzeit wuselten schon zahlreiche Kunden durch den Supermarkt. Die langsame Hedwig betrachteten sie als ein Hindernis zwischen den Regalen und dem Weg zur Kasse. Sorgsam ging Hedwig ihren Einkaufszettel durch. Sie wollte nichts vergessen, denn am Karfreitag würde sie nicht einkaufen gehen können. Im Einkaufskorb lag schon ein Beutel Kartoffeln, das übliche Gemüse und neben ein paar anderen Dingen auch zwei Piccolo-Flaschen Sekt.

Schließlich stand Hedwig vor der langen Reihe Gefrierschränke. Der Spinat mit dem Blub befand sich in einem davon, im obersten Fach. Zu hoch für Hedwig. Sie sprach einen jungen Mann ende Vierzig an und fragte, ob er ihr helfen könne. Tat er auch, mit einem freundlichen Lächeln. Hedwig gestand ihm, dass sie aus der Packung drei Portionen machen würde. Allerdings alle für sich selber. Es gab noch andere Donnerstage außer den vor Karfreitag.

Abends saß sie in der Küche bei Kartoffeln und Spinat mit Blub. Dachte an Heinz und gönnte sich den ersten Piccolo.
Den zweiten trank sie am nächsten Morgen, nach dem Kaffee. Auf den Tag genau lag der Tod ihrer Freundin jetzt zwei Jahre zurück.
Ein Jahr später reichte die Rente von Hedwig nicht mehr für die zwei Flaschen Piccolo. Für sämtliche alkoholischen Getränke hatten man inzwischen einen Steueraufschlag von 500 Prozent festgelegt. Einsam und allein saß Hedwig am Gründonnerstag abends in der Küche. von einem Nachbarn hatte sie den Stadtanzeiger vom Vortag geschenkt bekommen. „CO2-Steuer endgültig ablehnt“, kündigte die Schlagzeile des Tages an.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren