Rezensenten spielen anders

Rezensenten spielen anders

Halbgötter am Spieltisch sind Rezensenten auf keinen Fall. Jedoch idealerweise gut informierte Vielspieler.

Beobachtungen am Spieltischrand

Es hätte mir eigentlich klar sein müssen, dass es so kommt. Meine Frau und ich haben uns tapfer durch zehn Partien Gentes  gequält für meine Rezension dazu. Und dann fällt mir erst am Ende auf was fehlt. Die ganze Zeit über habe ich kein einziges anständiges Foto gemacht.

So was ist suboptimal, daher musste dringend noch Fotos geschossen werden. Natürlich war das Licht gestern und heute nicht mehr so traumhaft im Wohnzimmer wie am Wochenende, also nahm der Aufwand zu. Während ich etwa bei Cuba Libre einfach nur Bilder von der laufenden Partei zu machen brauchte, musste ich für Gentes alles noch mal aufbauen und eine Partei zu zweit nachspielen.

Bedingt durch die Lichtverhältnisse wurden dann die beiden Tageslichtlampen herausgeholt und montiert. Nach der Fotosession musste dann alles wieder weggeräumt werden. Der Gesamtaufwand für ein paar Fotos, von denen es drei in die Rezension schaffen, betrug eine Stunde. Aber immer noch besser, als in der Zeit Gentes komplett spielen zu müssen. Genau das führt mich dann zum Thema und meiner Behauptung, warum Rezensenten anders spielen. Wobei das bereits eine ziemlich Pauschalisierung ist und geradezu danach schreit, differenzierter betrachtet zu werden. Möglicherweise spielt das Alter ja auch eine Rolle, wir werden sehen.

Für Rezensenten verschlossen
Für Rezensenten verschlossen

Hartes Brot für Rezensenten

Beim Blick über den Tellerrand fällt mir häufiger auf, wie viel Brettspiel-YouTuber zum Teil spielen. Wenn man Spielerezensionen macht, ist so was im Prinzip nicht verkehrt. Allerdings frag ich mich dann schon das eine oder andere Mal, woher sie die ganze Zeit nehmen. Für meine Begriffe spiele ich schon recht viel. Allerdings bin ich vorsichtiger mit der Auswahl dessen, was ich spiele, geworden. Insofern trifft es auf jeden Fall zu, dass andere Rezensenten definitiv anders spielen.

Sachen wie etwa L.A.M.A. hören sich nett an, kommen bei mir nicht auf den Tisch. Für mich und meine Lebenszeit habe ich den Fokus auf anspruchsvollere Spiele gelegt. Hinzu kommt, dass ich Spiele durchdringen und nicht im Monatsrhythmus von einer Neuheit zur nächsten springen möchte. Persönlich finde ich Spiele lohnenswert, die mit jedem Mal besser werden, weil man mehr und mehr die Feinheiten entdeckt. Besonders schön, wenn die Spielregeln an sich kurz und verständlich sind.

Der Punkt, bei dem sich alle Rezensenten unterscheiden, ist die eigene Spielebiographie. Die Spiele, mit denen sie groß geworden sind und die, welche ihnen nach wie vor etwas bedeuten. Besonders die, die quasi zu einem Schlüsselerlebnis im Leben wurden. Mir fallen einige ein, aber keines davon hat so eine zentrale Rolle wie Go. Einfache Regeln, aber anspruchsvoll zu meistern. Von allen Spielen für mich nach wie vor das beste Spiel für zwei Personen.

Spielebiographie prägt Rezensionen

Die eigene Spielebiographie prägt nicht nur den Rezensenten, sondern auch das, was er rezensiert und wie er es rezensiert. Mit anderen Worten, jeder von uns hat einen anderen Geschmack, aber dieser kann sich durchaus entwickeln oder verändern.

Im Zusammenhang mit Gentes wurde mir deutlich, wie unterschiedlich man das Spiel bewerten kann. Hie kommt es auch drauf an, was man selber von so einem Spiel erwartet. In meiner Jugend habe ich häufiger mit Freunden Advanced Civilization gespielt. Auch wenn ich es aktuell nicht mehr spielen würde, hat es in jedem Fall meine Auffassung für das, was ein Zivilisationsspiel ausmachen sollte, geprägt. Das ich mit Gentes nicht warm werde, leitet sich unter anderem draus ab.

Einen Anspruch an Rezensenten, dem ich auch selber noch gerecht werden muss, ist der, mehr zu wissen als der Durchschnittsspieler. Schließlich will man Orientierung geben, was aber nur funktioniert, wenn man einen Überblick hat. Neuheiten, über die man berichtet, sollten eingeordnete werden, verbunden mit der Frage, ob das Spiel das Genre wirklich weiter bringt. Der tausendste Klone eines Stichspiels mag für den Moment frisch daher kommen. Aber braucht man ihn wirklich in der Sammlung?

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren