Cebit endgültig verstorben

Cebit endgültig verstorben

Gestern gab es einen Anruf aus den 80er Jahren. Es hieß, die Cebit sei verstorben. Die Gelegenheit für einen launischen Nachruf auf einen Dinosaurier.

Messen aus der Urzeit

So ganz stimmt das mit der Urzeit nicht. Auch wenn es manche Tage gibt, bei denen ich mich morgens elend müde fühle, bin ich noch gar nicht so alt. Außerdem gibt es Messen schon deutlich länger. Was ich einheitlich sagen wollte, an meine erste Computermesse kann ich mich noch erinnern, damals in den 80er Jahren. Das war natürlich nicht die Cebit. Eine extrem kleine Messe in der Niederrheinhalle in Wesel. Durch sie weht jedoch ein ähnlicher Geist Geruch wie auf der großen Schwester Cebit. Ehrfürchtig staunte ich die Computer an, die ganz anders als mein C64 waren. Wow, was alles mögliche versprochen wurde. Man ließ sich mitreissen, glaubte an den Fortschritt der EDV. Und ihre spielerischen Nebenschauplätze.
Erst Jahre später besuchte ich dann zum ersten Mal die Cebit, an einem der Tage, wo nicht nur Fachbesucher rein durften. Auch wenn sich einiges getan hatte, das Staunen hielt bei mir immer noch die Oberhand. Mit Ehrfurcht und Respekt schlenderte ich durch die Messehallen in Hannover. Im Schicksaljahr 2001 (für die Messe, denn da hatte laut Süddeutsche Zeitung mit 830.000 Besuchern ihren Zenit erreicht) konnte ich dann sogar als Fachbesucher zur Cebit.

So tot wie die Cebit
So tot wie die Cebit

Sinnlosigkeit der Cebit

Für ein Tochterunternehmen der RAG (heute: Evonik) fuhr ich auf die Cebit, hatte dort sogar Termine. Es war die Zeit, wo ich im Bereich der Callcentertechnik arbeitete. Auf der Messe hatte die DeTeWe einen Stand. Von ihr hatte meine Firma eine TK-Anlage von Nortel. Alles längst Geschichte — so wie jetzt die Messe.
Im vergangenen Juni sollen es lediglich 120.000 Besucher für die einstmals größte Messe weltweit gewesen sein. Zum Vergleich: Die Spielmesse in Essen hatte in diesem Jahr einen neuen Rekord mit 190.000 Besucher, bei der diesjährigen gamescom waren es 370.000. Nicht wirklich vergleichbar, aber gut, um ein Gefühl für Bedeutungsverlust der Cebit zu bekommen. Was dieser Messe fehlt: offensichtlich der Fokus. Das Konzept taugte nichts mehr. Um Neuheiten vorzustellen, sind die Hersteller längst nicht mehr auf Messen so angewiesen wie früher. Als Konferenz gibt hochkarätige Konkurrenz.
Für mich ist das Foto in der heutigen Ausgabe der Süddeutsche Zeitung zum Artikel „Keine für alle“, der auch eine Art Nachruf auf die Messe in Hannover ist, beispielhaft. Es zeigt einen jungen Boris Becker 1986 auf der Cebit neben einer Damen am Computer mit einer so typischen Frisur für diese Zeit. Die ist zum Glück vorbei, genauso wie das „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation“.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren