Fremdkörper Gefühle

Fremdkörper Gefühle

Ein Fremdkörper ist ein von außen eingedrungener Körper, der nicht zum Organismus gehört. Das Gefühl dazu lässt sich auch auf soziale Zusammenhänge übertragen.

Kindheitserinnerungen

Eines direkt vorweg: Im nachfolgenden Text geht es ausschließlich um meine persönliche Wahrnehmung. Das kann, wird sogar, mitunter andere Menschen irritieren. Zum Teil ist dies Absicht, zum Teil auch notwendig. Sehr lange habe ich mit mir gerungen, ob ich mich zu diesem Thema überhaupt äußere. Aber es brodelt schon lange in mir. Zudem gab mir ein Treffen vor ein paar Tagen erneut zu denken. Altes, Verdrängtes kam wieder hoch.
Also gut, wo soll ich anfangen? Wenn ich mir eines der Fotoalben, welches mir von meiner Mutter mal überlassen wurde, vornehme, gibt es darin die üblichen Schnappschüsse. Jeder von uns wird ähnliches von sich und seiner Familie kennen. Meistens lächele ich auf den Fotos. Allerdings sind gibt es auch Fotos in anderen Alben, die mir noch in Erringung sind. Auf einem saß ich weinend auf dem Küchenschrank. Von alleine bin ich da nicht hoch gekommen. Was die Fotos auch nicht zeigen ist die vielen anderen Momente. Schon gar nicht zeigen sie, wie ich mich viele Jahre lang wirklich gefühlt habe. Damit kommen wir dann zum Fremdkörper. Genau so habe ich mich in Bezug auf die Familie, in die ich offensichtlich hineingeboren wurde, gefühlt.

Fremdkörper im Herbst
Fremdkörper im Herbst

Missverstandener Fremdkörper

Es ist nicht leicht, Dinge auszusprechen über die man lange geschwiegen hat. Das Gefühl, ein Fremdkörper in der Familie zu sein, habe ich lange unterdrückt. Wirklich losgelassen hat es mich nie. Häufig genug fühlte ich mich missverstanden — größtenteils dauert das noch an. Auf Familienfeiern fanden Erwachsene es immer ganz toll, wie still und leise ich mich mit einem Buch beschäftigen konnte. Aus meiner Perspektive war es die einzige Möglichkeit, einer für mich sehr unangenehmen Situation zu entfliehen.
Bücher wurde sehr schnell in meinem Leben zu einer Art Ersatzfamilie. Ein Ort in meinem Kopf, wo ich mich nicht mehr wie ein Fremdkörper fühlen musste. Nach Schuld und Verantwortung möchte ich an dieser Stelle nicht suchen, es ist für mich schon schwierig genug, das alles endlich mal in Worte zu fassen.
Das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein, setzte sich auch über meine Familie hinaus fort. In der Grundschule ging es mir genau so, auch an der Realschule und schließlich am Gymnasium. Sich nie richtig dazu gehörig zu fühlen begleitet mich ständig. Meine Art damit umzugehen, sah recht einfach aus. Nach Möglichkeit versuchte ich alles, was mir nicht gut tat, vom mir fernzuhalten. Das führte auch zu einem Abstand zu meiner Familie. Etwas was sie nie verstanden haben und wohl auch nie verstehen werden.

Lieblingsort der Ruhe

Vielleicht ist es eine Art fluch, das möchte ich nicht leugnen. Am wohlsten fühle ich mich in der Umgebung von Büchern, weniger in der Umgebung von anderen Menschen. Das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein, nicht dazu zu gehören, stellt sich immer wieder im Umgang mit anderen ein. Mal dauert es, mal geht es ganz schnell.
Mittlerweile gelernt habe ich, mir nur sehr wenig anmerken zu lassen. Manche Mitmenschen wundern sich dann nur über bestimmte Entscheidungen von mir, weil sie diese nicht nachvollziehen können. Damit müssen sie aber genau so leben wie ich mit meinem Gefühl, lediglich ein Fremdkörper zu sein.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren