Leiche in der Spree

Leiche in der Spree

Am 1. November 2018 wird eine Leiche in der Spree gefunden werden. Nach anfänglichen Zweifeln lässt sich ihre Identität zweifelsfrei bestimmen.

Kanzlerdämmerung

Jeder muss essen. Diese Einsicht kam ihr gerade beim schreiben einer wichtigen Rede in den Sinn. Sie unterbrach sich selber, zog einen Zettel aus der Schreibtischschublade und notierte sich etwas darauf. Gewissenhaft las sie sich das, was sie festgehalten hatte, noch zwei Mal durch. Erst dann faltete sie den Zettel und legte ihn zur Seite, auf die linke Seite ihres Schreibtisches.
Dabei fiel ihr Blick durch die große Fensterfront. Draußen war es nicht richtig hell geworden. Grau in grau zeigte sich der Himmel über Berlin am Anfang dieser letzten Oktoberwoche. Mit einem Seufzer schaltete sie die Schreibtischlampe an. Kaltes Licht fiel auf den Stapel Papier direkt vor ihr. Die ausgedruckte erste Version ihrer Rede, mittlerweile mit zahlreichen Anmerkungen in Rot versehen. Klare Worte zu finden ist dann am schwierigsten, wenn man sie am dringendsten benötigt. Sie befand sich in einer alles andere als leichten Situation.
Alles hinwerfen, sofort einen Schlussstrich ziehen. Andere hätten wohl möglich an ihrer Stelle so gehandelt. Es gab auch welche, die würden bis zum letzten Atemzug die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Keines von beiden kam für sie in Frage. Der letzt Gang sollte immer ein aufrechter sein. Ein Lebensmotto ihres Vaters, der mit vielen Widrigkeiten gekämpft hatte. Jemand, den sie für das, was er getan hatte, nach wie vor bewunderte. Von ihm hatte sie auch gelernt, nicht immer den bequemsten Weg zu nehmen. An seine aufgebahrte Leiche musste sie denken, als sie die finale Fassung ihrer Rede schrieb. Das war vor sieben Jahren, mitten im einem Altweibersommer.

Leiche unter der Lampe
Leiche unter der Lampe

Leiche am Reformationstag

Hinter ihr lag die Pressekonferenz. Von den vielen Fragen, die im Raum standen, hatte sie nur wenige beantwortet. Das Bild von der Leiche ihres Vaters ging ihr dabei nicht aus dem Kopf. Er hatte ein leichtes Lächeln im Gesicht gehabt. Zufriedenheit nach einem erfüllten Leben. Vielleicht sogar Stolz auf das, was seine Tochter erreicht hatte. Sie würde es nie erfahren.
Dieser einen Moment allein im Aufzug. Noch mal tief durchatmen, Energie tanken für die nächste Runde. Bald, sehr bald würde das hinter ihr liegen. Mit ihrer linken Hand strich sie das Jacket glatt, fühlte den anderen Zettel in der Tasche. Heute Abend.
Ein Industriebrache an der Spree. Baugelände gegenüber vom Invalidenfriedhof. Tod und Neuanfang. Nur wenig Licht viel über das Gelände, als sie am späten Abend hinten aus der Limousine ausstieg. Am Ufer warte bereits die Frau, die sie unbedingt noch treffen wollte. Eine massige Gestalt zeichnete sich im Zwielicht ab. Mit beherzten Schritten ging sie auf sie zu. Schweigen, dann ein Nicken zur Begrüßung. Nur eine von ihnen würde morgen den Reformationstag feiern. Aus ihrem Jacket holte sie den bereits etwas zerknitterten Zettel bevor und überreichte ihn. Staunen bei ihrem Gegenüber. „Ein Rezept für Kartoffelsuppe?“

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren