Regelgenauigkeit bei Brettspielen

Regelgenauigkeit bei Brettspielen

Kleine Kinder spielen vor sich hin. Als Erwachsener legt man zumeist Wert auf Regelgenauigkeit, insbesondere bei Brettspielen.

Gretchenfrage für Brettspieler

„Nun sag, wie hast du’s mit den Spielregeln?“ — die Frage aller Fragen bei Brettspielern. Besonders wichtig, wenn man sich aus seiner Filterblase heraus begibt und auf bisher unbekannte Mitspieler trifft. Um es gleich vorweg zu sagen, mir persönlich ist Regelgenauigkeit wichtig, aber sie ist kein Fetisch. Wenn man mehre Parteien des selben Spiels spielt, ist es für mich auch häufig ein Lernprozess. Man spielt, diskutiert und spielt erneut. Bei der nächsten Partei sieht man, was man vorher nicht ganz korrekt ausgelegt hat, korrigiert das. Gemeinsam wird man regelfest und taucht tiefer in das Spiel hinein. Je besser man das Spiel beherrscht, desto mehr Vergnügen zieht man draus.
Gerade bei Spielen die man auch oder ausschließlich zu zweit spielen kann, ist der Lernprozess ein Teil des Spiels und stört nicht — auch nicht den Spielfluss. Auch wenn man gegeneinander spielt, gibt es ein gemeinsames übergreifendes Ziel. Das heisst, die Regeln zu verstehen und korrekt anzuwenden. Zuletzt ging mir das mit Illusions of Glory so. Ein Stück weit gibt Regelgenauigkeit auch Halt. Das hat nichts mit den gescholtenen Regelnazis zu tun, sondern damit, dass hinter den Spielregeln eine Intention steht. Absolut frei Auslegung ist meiner Meinung nach Willkür, die das Spielvergnügen der Mehrheit am Spieltisch trübt.

Regelgenauigkeit gibt Halt
Regelgenauigkeit gibt Halt

Gloomhaven braucht Regelgenauigkeit

Regelfestigkeit vor dem Spiel wird wichtiger, wenn man nicht zu zweit, sondern in einer größeren Gruppe spielt. Andernfalls könnte der Lernprozess frustrierend ausfallen, gerade dann, wenn das Lerntempo unterschiedlich ist. Hier kommt es jedoch auf die jeweilige Spielgruppe an. Wichtig ist in jedem Fall, das einer am Tisch die Regeln sicher beherrscht. Kann er dann auch noch gut erklären, ist sehr viel gewonnen.
Zurück aber zur Regelgenauigkeit. Bei Facebook bin ich in der deutschen Gruppe zu Gloomhaven. Dort geht es unter anderem auch um Regelfragen. Ich helfe gern und lasse mir gerne helfen. Mich überrascht auch immer wieder, was ich selber beim mehrfachen lesen der Spielregeln übersehen habe. Heute Morgen zum Beispiel wurde mir die korrekte Anwendung von „Vergeltung“ erst so richtig deutlich. Da es sich dabei nicht um einen Angriff im eigentlichen Sinne handelt, kommt „Schild“ nicht zum Einsatz. Das macht einen erheblichen Unterschied, gerade wenn man Figuren wie das Felsenherz spielt. Dessen Vergeltungsmöglichkeit wären ansonsten bei Gegner mit höher Stufe wirkungslos.
Wenn wir schon bei Gloomhaven sind: Auf Grund der Anzahl der Szenarien und dem Umstand, dass man sie häufiger wiederholen muss, sind hier Regeln, die man übersieht oder falsch auslegt, nicht so tragisch. Anders sieht es bei Legacy Spielen aus. Gerade hier ist die Regelgenauigkeit enorm wichtig — eine Wiederholung ist nämlich ausgeschlossen.

Sinn der Spielregeln

Hinter jeder Spielregel steht eine bestimmte Intention des Autors. Bei Gloomhaven beispielsweise gibt einen triftigen Grund, warum bestimmte Information nicht öffentlich sind. Und auch, warum man laut Regel keine detaillierten Absprachen wie „ich hab einen Initiativewert von 10 und kann ich um 3 Punkte heilen“ treffen sollte. Die verdeckten Informationen wie etwa die persönliche Aufgabe der Spielfigur für das aktuelle Szenario erhöhen die Spannung. Es kommt zu Aktion der Spieler, die erst hinterher klar werden. Ich für meinen Teil finde das reizvoll. Wohl auch der Autor des Spiels, denn er hat diese Regeln ja ganz bewusst so konzipiert.
Über Sätze wie „wir spielen das aber so“ kann man diskutieren. Selbstverständlich darf jeder die Spielregeln anders interpretieren oder sogar umschreiben. Nur wenn man mit anderen zusammen spielt, sollte man sich vorher einige, nach welchen regeln das erfolgt. Möglichst so, dass alle mit der getroffenen Entscheidung zufrieden sind. Das wichtigste am Spieltisch ist nicht, zu gewinnen, sondern Spaß am Spiel zu haben. Der entfaltet sich, wenn alle nach gleichen Regeln spielen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren