Qualitätsoffensive bei Brettspielen

Qualitätsoffensive bei Brettspielen

Die deutsche Umsetzung von Gloomhaven ernte vor allem eine deutlich hörbare Kritik hinsichtlich des Spielmaterials. Offensichtlich ist eine Qualitätsoffensive bei Brettspielen erforderlich.

Statement mit Folgen

Gestern gab es ein offizielles Statement von Feuerland Spiele zum aktuellen Stand in Bezug auf Gloomhaven. Nach dem die ersten Monate in diesem Jahr nach der Ankündigung, das Spiel auf Deutsch herauszubringen von vielen Sehnsüchten und Komplimenten begleitet waren, hagelt es jetzt so viel Kritik, dass man sich zu einer Stellungnahme genötigt sah. Das ein ganzer Container bei Zoll feststeckte und Vorstellen länger als Händler auf ihr Spiel warten mussten, war bereits vergangenen Woche Thema heißer Diskussionen. Aber es ist wie es ist, auf so was hat man als Spieleverlag keinen Einfluss. Und ehrlich gesagt kann ich die aufgeregten Vorbestellen nicht verstehen. Ob man Gloomhaven jetzt eine Woche früher oder später bekommt, macht definitiv keinen Unterschied. Vor allem nicht, weil man angesichts des Umfangs der Kampagne noch einige Monate Zeit mit dem Spiel verbringen wird. Das Spiel will gespielt werden und ist weniger Sammlerstück — ein wichtiger Aspekt, auf den wir später noch mal zu sprechen kommen.
Es mehrten sich jetzt allerdings die Kritiken hinsichtlich der Materialqualität von Gloomhaven. Die liegt, wenn man ehrlich ist, unter dem Standard von Feuerland Spiele. Sogar deutlich. Und auch unter dem, was man sonst üblicherweise auf dem Markt für sein Geld bekommt. Bei mir löste das die Frage aus, ob eine Qualitätsoffensive bei Brettspielen notwendig ist. Aber der Reihe nach.

Entwicklung im Rückblick

Bei mir sind es eher Kleinigkeiten in Bezug auf Gloomhaven, die nicht 100% sind. Ein paar der Einsteckhüllen für die Monatskarten haben einen deutlichen Vintage-Look. Dazu kommt noch die Landkarte, die sich um über 8 mm vom Tisch abhebt. Sie ist sehr stark verzogen. Wirklich das Spielerlebnis trübt so was nicht. Ja, auch die Standees für die Monsterfiguren sind ziemlicher Käse. Ich schrieb bereits, dass man besser damit fährt, sich welche zu besorgen , die etwa bei Andor verwendet werden. Wendet man ansonsten Gewalt an, ruiniert man die Monsterfiguren. Bei Facebook habe ich in diesem Zusammenhang Bilder gesehen, die mich ernsthaft an der geistigen Gesundheit der Spielbesitzer zweifeln ließen. Wenn etwas nicht rein passt, ist es eine verdammt blöde Idee, rohe Gewalt anzuwenden. Als ich feststellte, dass die Standees von Gloomhaven zu starr und eng sind, versuchte ich erst gar nicht, die Figur dar rein zu quetschen — nennt sich gesunder Menschenverstand.
Gut, aber es gibt Dinge, die noch schwerer wiegen. Damit meine ich nicht fehlende Teile, so was kann immer mal passieren. Sondern insgesamt eine Produktion, die frei von Qualität und Endkontrolle zu sein scheint. Feuerland Spiele hat in seinem Statement sehr deutlich gemacht, dass dies der Preis für einen günstigen Preis von Gloomhaven sei. Schließlich sei auch Gloomhaven insgesamt ein günstiges Spiel. Dem möchte ich widersprechen und gleichzeitig erklären, warum meiner Meinung nach eine Qualitätsoffensive bei Brettspielen notwendig ist.

Qualitätsoffensive bei Brettspielen
Stellungnahme Feuerland Spiele

Qualitätsoffensive erforderlich

Günstig ist immer ein relativer Begriff — nicht nur, weil er vom eigenen Einkommen abhängt. Vorstellen haben für Gloomhaven 135 Euro bezahlt. Wenn man wie ich gelegentlich noch in DM umrechnet, kommt man auf etwa 264 DM. Als es die Deutsche Mark noch gab, war das verdammt viel Geld für ein Spiel. Ehrlich, so viel habe ich nie für ein einzelnes Spiel ausgegeben. Und ich rede nicht von einer Zeit, die lange vor 2002 zurückliegt.
Bis ich vor etwas über acht Jahren nach Köln gezogen bin, war das teuerste Spiel im Besitz von meiner Frau und mir Mare Mediterraneum von Jean du Poël . Etwa 70 DM haben meine Frau und ich in Bielefeld für den Kauf des Spiels ausgegeben, was für uns echt viel Geld war. Man muss sich aber das Material ansehen (wir besitzen nicht mal die Luxusversion). Für den Kurs würde man heute nicht mehr so ein Spiel bekommen. Man muss aber nicht zu solchen Spielen greifen, sondern sich einfach die Preisentwicklung ansehen. Es gibt nur wenig Spiele unter 20 Euro. Früher war das für mich schon sehr nach am oberen Limit für ein Brettspiel. In der Regel kostet ein Brettspiel mittlerweile zwischen 40 und 60 Euro — abhängig allerdings auch stark vom Verlag. Was bekommt man dafür?

Material im Wandel

Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass durch die technische Entwicklung und neue Produktionsmöglichkeiten automatisch eine Qualitätsoffensive bei Brettspielen stattgefunden hat. Schließlich kann man mittlerweile sogar zu Hause, dank erschwinglicher 3D-Drucker, selber im kleinen Umfang produzieren. Auch Farblaserdrucker sind günstig geworden. Wer selber Brettspiele entwickelt, kann das auf einem deutlich höherem Niveau hinsichtlich des Materials für den Prototypen machen als früher.
Dem entgegen steht die Produktionsqualität für die in den Handel kommenden Brettspiele. Sie hat meiner Meinung erheblich abgenommen. Spielkarten zu sleeven, auf die Idee wäre ich früher nie gekommen. Mir Gedanken darüber zu machen, wie ich das Spielbrett einigermaßen in Form bekommen, war schlichtweg nicht notwendig. Oder anders gesagt. Spielbretter von etwa Hase und Igel aus den 1980er Jahren liegen nach wie vor wie eine eins auf dem Tisch. Da biegt sich nichts. Ganz anders bei Brettspielen, die ich in den letzten Jahren gekauft habe. Ebenso zu genommen hat bei mir die Anzahl der Reklamation. Es fehlte was, war kaputt oder mangelhaft produziert — bei nagelneuen Spielen. Natürlich sind Spiele auch Gebrauchsgegenstände, aber dennoch keine Wegwerfartikel.

Billig und willig

Brettspiele sind keinesfalls zu billig, sie werden nur anscheinend immer billiger produziert. Vielleicht auch, weil ihre Halbwertszeit abgenommen hat. Wer spielt denn noch die Hits aus dem letzten Jahr, wenn er sich auf der Spiel 2018 wieder mit Neuheiten eingedeckt hat?
Eine Qualitätsoffensive bei Brettspielen bezieht sich nicht nur auf das Material, sondern auch den Spielwert. Spiele sollten nachhaltiger werden. Gerade aus dem Grund finde ich Exit-Spiele oder Legacy Spiele bedenklich. Zumute weigere ich mich zu glauben, dass Brettspiele nicht auch mindestens zum gleichen Preis in Europa statt in China produziert werden können.

Im Übrigen: Bisher wurde die Qualität der deutschen Übersetzung von Gloomhaven kaum diskutiert.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren