Fußballkommentar eines Ahnungslosen

Fußballkommentar eines Ahnungslosen

Sich derzeit mit einem Fußballkommentar zurück zu halten fällt schwer. Über den Sport hinaus hat sich eine gesellschaftspolitische Relevanz ergeben.

Unmögliche Ignoranz

„Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.“ An dem Spruch von Dieter Nuhr ist viel wahres dran. Allerdings gibt es Momente, da kann man auch bei völliger Inkompetenz unmöglich etwas ignorieren. Üblicherweise halte ich mich mit einem Fußballkommentar aus gutem Grund zurück. Von Fußball habe ich definitiv keine Ahnung — ich kenne nicht mal genau die Spielregeln. Entsprechen weiss ich auch nicht, was eine Abseitsfalle ist. Dafür kann ich aber beurteilen, wenn ein Mensch ins Abseits gedrängt wird oder sich dorthin selber manövriert. Zwar ermöglicht mir das noch immer keinen Fußballkommentar, aber ein paar eigene Gedanken zur Causa Özil.
Dank Süddeutsche Zeitung habe ich mir heute morgen auch eine Reihe von Hintergrundinformation anlesen können. Darüber hinaus fand ich den Kommentar von Gökalp Babayiğit angenehm sachlich und beide Seiten abwägend. Genau ist derzeit die große Kunst, denn der weitaus größte Teil der Kommentare bewegt sich noch  unter Stammtischniveau. Die Gemüter haben sich dabei so erhitzt, dass man sehr schnell zwischen die Fronten geraten kann. Mein Kommentar ist daher kein Fußballkommentar, sondern eher eine Betrachtung der Gesamtsituation.

Fußballkommentar
pixel2013 / Pixabay

Notwendiger Fußballkommentar

Letztendlich dreht es sich weniger um Fußball, denn um Befindlichkeiten. Verletzter männlicher Stolz auf beiden Seite, wenn man so will. Ich versuche den Ablauf knapp und laienhaft zusammenzufassen, bevor ich ins Detail gehe. Ein Spieler deutschen Fußballnationalmannschaft mit türkischen Wurzeln lässt sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten. Kurzer Aufschrei in den Medien, dann wendet man sich der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Russland zu. Hier schneidet die Mannschaft entsetzlich schlecht ab — sogar mir als Laien fällt das auf. Man sucht einen Sündenbock und macht den Spieler mit türkischen Wurzeln dafür verantwortlich. Findet dieser natürlich nicht so gut. Am vergangene Wochenende hat er sich mit einem langen Statement zurückgemeldet und seinen Rücktritt von der Nationalmannschaft verkündet. Zwischendurch gab es noch ein paar Sponsoren, die sich angeblich wegen des Fotos mit Erdoğan von ihm abwendeten.
Zwei Dinge finde ich persönlich nicht gut. Das Foto von Mesut Özil zusammen mit dem türkischen Präsidenten war ein Fehler. Ganz klar, es lässt sich auch nicht mit türkischen Wurzeln oder sonst was schönreden.
Die Niederlage der deutschen Mannschaft in Russland ist eine Sache, die das gesamte Team zu verantworten hat — auch der Trainer. Die Schuld bei einem Einzigen zu suchen, ist unter aller Sau. Sie entspricht keinesfalls sportlicher Fairness, die auch innerhalb einer Mannschaft gelten sollte.

Ständiges Nachtreten

Man hätte zeitnah Äußerungen die Aussagen etwas von Oliver Bierhoff aufarbeiten müssen und sich konsequent dagegen stellen sollen. Statt dessen wurden von Verantwortlichen auf höheren Ebenen auch noch Feuer ins Öl gegossen — etwa vom DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Das ist schadet dem Fußball an sich und liefert Zündstoff für rechter Hetzer.
Das einem dann irgendwann der Kragen platz, ist nachvollziehbar. Seine aus dem Englischen übersetzte Erklärung im Wortlaut findet man zum Beispiel bei tagesschau.de https://www.tagesschau.de/inland/oezil-erklaerung-wortlaut-101.html .
Özil erhebt deutliche Vorwürfe. Es geht um Diskriminierung, um Rassismus. Eine Doppelmoral beim DFB und anderen lässt sich nicht so einfach von der Hand weisen. Sehr gut bringt das hier Hasan Gökkaya in der Zeit auf den Punkt:

Ein lachender Putin steht neben dem deutschen Ehrenspielführer Lothar Matthäus, das stört aber keinen. In Bayern regiert ein verurteilter Steuerhinterzieher den wichtigsten Fußballverein des Landes. Aber das ist nun natürlich alles egal. Weil der Haustürke vermeintlich einen Fehler gemacht hat. Und weil er sich nun auch noch erdreistet, sich von seinem Land, von Deutschland, nicht alles gefallen zu lassen.

Man benötigt kein Fußballwissen, schließlich geht es nicht mehr um einen Fußballkommentar, sondern um etwas ganz anderes. Was hier thematisiert wird, ist ein wunder Punkt in unserer Gesellschaft. Wer nicht deutsch von Geburt an ist, wird nur so lange toleriert, wie er nützlich ist.

Integration für die Katz

Sämtliche Diskussion um Integration sind an dieser Stelle obsolet — Integration ist keine Einbahnstraße, sondern etwas, was beide Seiten leisten müssen. Die Gesellschaft genau so wie ihr neuer Mitbürger. Und ganz offensichtlich hat die deutsche Gesellschaft hier deutlich versagt. Unter einer freundlichen Oberfläche verbirgt sich der gleiche braune Dreck wie vor 80 Jahren.
Natürlich hat Mesut Özil mit dem Foto einen Fehler gemacht, aber darum geht es mittlerweile nicht mehr. Es gibt sogar Würstchen, die statt den Ball aus gutem Grund flach zu halt wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen. Äußerungen wie die von Uli Hoeneß, Özil: „Hat den größten Dreck gespielt“ sind indiskutabel. Erstens, weil der verurteilte Steuerhinterzieher Hoeneß keine moralische Instanz ist. Und Zweitens, weil es in kleinster Weise der Wahrheit spricht.
Aber es geht gar nicht um fußballerische Leistungen, sondern darum „dem Türken“ noch einen reinzuwürgen. Wäre Nachtreten olympische Disziplin, uns Deutschen wären auf lange Zeit Goldmedaillen sicher.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren