Zombies am Sandkasten

Zombies am Sandkasten

Jenseits der Fiktion gibt es tatsächlich Zombies. Sie sind mitten unter uns und Eltern. Eine Beobachtung vom Sandkastenrand.

Eltern und Smartphones

In der Süddeutsche Zeitung von letzter Woche Freitag gab es einen Artikel von Sebastian Herrmann mit dem sehr treffenden Titel „Mama ist ein Zombie“. Online heisst der leider nur „Mach doch mal das Handy aus“ — dabei geht es meiner Meinung tatsächlich um Zombies, genauer gesagt um Eltern. Das diese nach der Geburt ihres Nachwuchses häufiger wie wandelnden Leichen aussehen, hängt überwiegende mit dem Schlafentzug (nicht Schlafanzug) zusammen. Sagt man mir zumindest, denn mir fehlt hier die eigene Erfahrung.
Vermutlich ist es auch ein Gerücht, dass sich das Alter eines Babys an den Ringen um die Augen der Eltern ablesen lässt. Wie dem auch sei, mir geht es um eine andere Sorte Zombies, genau wie Sebastian Herrmann. Eine spezielle Sorte Eltern, bei der ich mich frage, warum sie überhaupt Nachwuchs gezeugt haben. Für mich als Außenstehender wirkte es häufiger so, dass sie ihr Smartphone deutlich lieber haben als ihr Kind. Natürlich kann das alles der Gehässigkeit eines Außenstehenden zugeschrieben werden, aber ganz ehrlich, normal kann es doch nicht sein, wenn das Handy wichtiger ist als das Kind.

Zombies am Sandkasten
congerdesign / Pixabay

Zombies unter Beobachtung

Von unserem Küchenfenster aus haben wir einen guten Blick auf den Sandkasten hinterm Haus. Dort stehen auch ein paar Bänke und es ist eine beliebte Anlaufstelle für Eltern mit ihren kleinen Kindern. Oder sollte ich sagen für Eltern mit ihren Smartphones, die zufällig ein Kind haben? Die absurdestes Situation, die ich je mitbekommen habe: Drei Erwachsene und ein Kleinkind. Das Kind spielte zunächst alleine im Sand, während die Erwachsene drum herum saßen. Nein, sie haben sich nicht miteinander unterhalten, sondern jeder hat für sich auf sein Smartphone gestarrt. Irgendwann ließ sich die Mutter des Kindes doch herab, mit dem Nachwuchs zu spielen. Dazu reichte eine Hand, denn mit der anderen Hand wird fleißig das Smartphone weiter benutzt.
Nun sind Kinder in der Regel aber nicht dumm und haben ein ausgesprochen feines Gespür. Sie merken, wenn sie nicht die volle Aufmerksamkeit der Eltern genießen, wenn etwas anderes wichtiger ist. Anders als bei Geschwistern sind sie gegen das Smartphone chancenlos. Sie reagieren, wie man in ihrem Alter reagiert: quengeln und weinen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das stresst ihre Eltern, die wiederum zur Ablenkung zum Smartphone greifen. behaupten zumindest Forscher, die im SZ-Artikel zitiert werden.

Anderwelt

Meiner Meinung nach ist das jedoch nicht ganz so einfach. Die Eltern leben in einer anderen Welt. Schon vor dem Nachwuchs waren sie Zombies, die ihre Umwelt vor allem durch das Smartphone wahrnehmen. Es bedarf auch keiner Kinder, um sich hinter einem Display zu verstecken. Kollegen im Büro können das bei einer Besprechung genau so gut.
Was fehlt, ist die eigene Selbstkontrolle und die Einsicht, dass Multitasking keine Leistung, sondern eher ein Defizit ist — zumindest ein Aufmerksamkeitsdefizit für genau eine Sache.

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren