Lindner beim Bäcker

Lindner beim Bäcker

Christian Lindner hat mit seinen Äußerungen zu illegalen Ausländern beim Bäcker eine Rassismus-Debatte entfacht. Natürlich absichtlich, denn er Mann ist nicht dumm.

Liberale Witze

„Geht ein Mann zum Arzt“ — an diesen sehr flachen Witz musste ich zwangsläufig denken, als Christian Lindner das Gleichnis von der Schlange und den Brötchen erzählte. Es fällt schwer, sich Lindern morgens beim Bäcker in der Schlang vorzustellen. Der holt doch keine Brötchen selber. Nun ja, auch wieder so ein Vorurteil. Aber genau um Vorurteile geht es. Und um getarnte Vorurteile.
Fangen wir aber von vorne an. Stefan Kuzmany schrieb bei SPIEGEL online einen sehr schönen Satz ersten Satz in seinem Kommentar „Allzu kleine Brötchen“: Christian Lindner ist kein Idiot. Da hat Kuzmany wohl recht, in jeder Hinsicht. Das was er als vermeintliche Anekdote erzählt hat, geht so:

Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. Damit die Gesellschaft befriedet ist, müssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen und Angst vor ihm haben, müssen sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält. Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen, rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik.
Quelle: Pressemitteilung FDP

Sehen wir davon mal ab, dass das keine Anekdote ist — denn das wäre eine bemerkenswerte oder charakteristische Begebenheit aus seinem Leben.

Lindner beim Bäcker

Selbst wenn man Lindern unterstellt, solche Gedanken tatsächlich beim warten in der Schlange beim Bäcker gehabt zu haben — besser wird das gesagte dadurch nicht. Wenn ich persönlich beim Bäcker bin, habe ich anderes im Kopf. Typisch deutsch natürlich, ob alle richtig in der Schlange stehen. Aber eigentlich beschäftigt mich etwas viel wichtigeres: ist noch ein Schoko-Croissant da, wenn ich an der Reihe bin?
An an kriminelle Ausländer denke ich jedenfalls nicht. Das aber ist genau der problematischste Teil von dem, was Linder gesagt hat. Jedem Ausländer, der sich möglicherweise illegal in Deutschland aufhält, wird unterstellt er sei kriminell. Sehen wir mal davon ab, dass sich hier im Land ganz legal viele kriminelle Deutsche aufhalten. Jemand der sich illegal hier aufhält, hat vielleicht keine legale Chance gehabt, hier Schutz vor Verfolgung zu finden. Kriminell macht ihn das noch lange nicht.
Es läuft auch etwas ganz schön schief, wenn Menschen, die anders aussehen und anders sprechen unter Generalverdacht stehen. Das Aushebeln der Unschuldsvermutung befriedet eine Gesellschaft nicht, im Gegenteil.

Lindner will Weißmehl
Pexels / Pixabay

Latent Fremdenfeindlich

Aus der Bäckerei-Fiktion von Herrn Lindern spricht eine latente Fremdenfeindlichkeit. Chef der FDP zeigt damit das Gegenteil einer liberalen Grundhaltung. Es zeigt auch ein Weltbild, bei dem Menschen nach ihrer Nützlichkeit beurteilt werden. Der IT-Experte aus Indien ist ein „guter Ausländer“, der Syrer auf der Flucht „ein böser Ausländer“. Schließlich hat der Syrer keinen Marktwert.
Diese Haltung von Herrn Lindern geht über stumpfen Alltagsrassismus hinaus. Sie wird auch nicht auf Ausländer beschränkt bleiben, sondern jeden von uns danach beurteilen, ob er für die Wirtschaft noch wertvoll ist oder nicht. Von da ist es bis zum sozialverträglichen Frühableben kein weiter Schritt mehr.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren