Hätte er besser aufgepast

Hätte er besser aufgepast

Denkt man etwas darüber nach, ist der Spruch „Hätte er in der Schule besser aufgepasst“ ziemlich menschenverachtend. Insbesondere dann, wenn es Berufe im Niedriglohnsektor geht.

Schnelles Urteil

Mit unseren Urteilen und Vorurteilen sind wir schnell zur Hand. Ohne zu reflektieren übernehmen wir eine Verhaltensweise, die wir uns von unseren Eltern und Großeltern abgeschaut haben. Motivation durch Abschreckung gab es in meiner Kindheit häufiger. Ich kann mich noch an ein Erlebnis erinnern, als ich in der Stadt mit meiner Oma unterwegs war. Der erste Sommerferientag nach einem nicht so berauschenden Zeugnis. Wir kamen an einem Straßenfeger vorbei. Noch in Hörweite des Mannes meinte meine Oma zu mir „Hätte der in der Schule besser aufgepasst, müsste er jetzt nicht die Straße fegen.“
Pädagogisch war das ziemlich daneben. Meine Oma war geprägt durch die NS-Zeit und die Erziehung der harten Hand. Menschenverachtend war das allerdings auch, denn man Oma wusste natürlich nicht, warum der Mann als Straßenfeger arbeitet. Davon abgesehen hat es nicht bei mir geholfen — wie man mich motivieren kann, ist aber ein ganz anderes Thema.
Das mir die Episode aus der Vergangenheit überhaupt wieder eingefallen ist, liegt an einer Bestellung, die mir gestern Abend um kurz vor acht per DHL zugestellt wurde.

Hätte er besser aufgepasst
annca / Pixabay

Besser aufgepasst als Werturteil

Der Mann hatte bereits eine sehr langen Tag hinter und noch einiges vor sich. Kurz sprachen meine Frau und ich darüber und ja, es fiel auch der unsägliche Spruch „hätte er in der Schule besser aufgepasst“. Allerdings meinten wir es nicht ernst. Zudem wussten wir aus  persönlichen Gesprächen mit dem Paketboten, dass er in der Schule etwas faul gewesen war. Wir wissen zudem von seinem Zweitjob, auf den er angewiesen ist, um überhaupt mit seiner Familie über die Runde zu kommen.
Würde ihm das erspart bleiben, hätte er in der Schule besser aufgepasst? So was kann man nicht wissen. Was man aber wissen sollte: wie unzulänglich unser Bildungssystem ist. Sich mit den Mängeln auseinanderzusetzen, ist eine echte Herausforderung. Bequemer ist es daher, den einzelnen für sein Versagen verantwortlich zu machen satt das System zu hinterfragen. Es gibt immer Menschen, die ganz unterschiedlichen Gründen durchs Raster fallen. Mit aufpassen hat das oft wenig zu tun, auch nicht mit Intelligenz. Nicht untypisch sind Schülerinnen und Schüler, die sich langweilen, stören, vielleicht auch faul wirken — weil sie in Wahrheit unterfordert sind. Heute ist man bei so was zum Glück etwas sensibler als früher.

Mangelhaftes Bildungssystem

Bildung ist ohne Frage ein wichtiger Schlüssel und für viele Dinge Zugangsvoraussetzung. Sie ist aber keine Garantie. Andernfalls dürfte es keine arbeitslosen Akademiker geben und müssten alle Menschen mit Hochschulabschluss ausschließlich in hochdotierten Jobs arbeiten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Hat man das „falsche“ studiert oder angeblich zu alt, nützt einem auch der Abschluss herzlich wenig. Man muss sich mit dem Job zufrieden geben, den man bekommt. Selbst wenn man dafür überqualifiziert und unterbezahlt ist.
Ein mangelhaftes Bildungssystem ist das eine. Das andere sind dann Menschen, die es nötig haben, auf andere herabzublicken. Wer auf andere zeigt und sagt „hätte er besser aufgepasst“ macht das, um sich selber zu erhöhen. Für einen Moment kann man sich besser fühlen, weil es einem anderen doch ganz offensichtlich schlechter geht.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren