Autofreie Gentrifizierung

Autofreie Gentrifizierung

Die autofreie Siedlung in Nippes ist sicherlich ein Juwel, wenn man sich für alternative Lebensformen interessiert. Das mittlerweile aber eine drastische Form der Gentrifizierung stattfindet, ist erschreckend.

Autofrei mit Charme

Ganz ehrlich, ich wohne gerne in der autofrei Siedlung, freue mich auch auf den Lebendigen Adventskalender mit gemeinsamen Aktion der Nachbar zur Einstimmung auf Weihnachten. Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein und es gibt immer mal wieder Probleme. Vermutlich ist das anderswo, wo Menschen auf engerem Raum wohnen, auch so. Selbst auf einer Hallig kann es stürmisch zugehen, wenn man sich mit dem einem einzigen der überschaubar wenig Nachbarn nicht versteht.
So lange es geht, würde meine Frau und ich daher in Nippes in genau dieser Siedlung wohnen bleiben. Wir schätzen den Charme der Siedlung, zudem passt sie zu unserem autofreien Leben. Unser Problem ist nur, dass wir keine Millionäre sind. Damit kommen wir dann zur (zumindest gefühlten)

Gentrifizierung anderswo
Free-Photos / Pixabay

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Autofreies Wohnen mit Garagenstellplatz

Über die Nippes-Gruppe bei Facebook stieß ich auf eine Immobilienanzeige, bei der ich einige Minuten ungläubig, aber andächtig schweigend vorm Bildschirm saß. In der autofreien Siedlung steht ein Reiheneckhaus zum Verkauf (ich verlinke hier ganz bewusst nicht auf die Anzeige). Nichts ungewöhnliches, sollte man meinen. Die Überschrift der Anzeige ist schon erstaunlich „Autofreies Wohnen … mit Garagenstellplatz“. Genau da sind wird dann wieder beim dem, was ich häufiger hier im Blog thematisiert habe. Manchen Menschen wohnen lediglich autofrei, andere dagegen leben autofrei. Wer nur autofrei wohnt, will keinen Autolärm um sich herum, aber auf die eigene Karre der Bequemlichkeit halber nicht verzichten.
Über diesen Punkt kann man sicherlich streiten. Zudem ist mein Pauschalurteil hier entsprechend hat. Es mag sicher Menschen geben in der Siedlung, die wirklich auf ihr Auto angewiesen sind. Warum sie dann ausgerechnet in einer autofreien Siedlung leben, nun ja. Mit jedem Autobesitzer mehr steigt das Risiko, dass Projekt wie dieses scheitern.

Gentrifizierung für Millionäre

Kommen wir aber zu dem Punkt, warum ich dieses Gefühl der Gentrifizierung nicht loswerden. Wikipedia beschreibt Gentrifizierung als sozioökonomischen Strukturwandel. In ein Viertel ziehen immer mehr Mieter oder Eigentümer, mit einem überdurchschnittlichen Einkommen. Laut statista lag das Durchschnittseinkommen 2016 bei 3.700 Euro. Um das Reiheneckhaus zu kaufen, wird das nicht ausreichen. Der derzeitige Kaufpreis liegt bei 1.160.000 € ohne die anfallende Provision. Bei so einer Ansage muss man wirklich tief Luft holen. Es ist immer noch ein Reihenhaus. Man hat einen Ausblick auf andere Häuser und sehr viele Nachbarn. Je nach dem, wie man gestrickt ist, nützen einem dann auch die 180 Quadratmeter nicht viel. Wirklich alleine ist man nämlich nicht. Wie meinte das jemand treffend in der Facebook-Gruppe: „… Nachbarn glotzen und dann (wird) in der Nippes Gruppe über meine Ehe spekuliert.“
Meiner Meinung nach gibt die Lage und die Bausubstanz (aber was weiß ich schon) den Preis nicht her. Das ist keine Villa in Bensberg oder anderswo mit fantastischen Ausblick. Selbst die Wohnungen in den Kranhäusern in Köln war anfangs günstiger. Und über den Ausblick muss man hier wohl kaum ein weiteres Wort verlieren. Hinzu kommt noch eine schier unglaubliche Wertsteigerung.

Enorme Rendite

Der Neupreis vor 11 Jahren lag bei etwa 480.000 Euro, wurde in der Nippes-Gruppe spekuliert. Unrealistisch ist das nicht, wenn ich die Vergleichspreise der Nachbarn berücksichtige. Dem Vernehmen nach sollen die Penthäuser (190 qm) im Clough-Gelände unter 1 Millionen gekostet haben. Wie dem auch sei, selbst wenn das Haus 550.000 Euro kostet hat, wäre die Rendite enorm.
Mir macht das Angst. Gentrifizierung direkt vor der Haustür. Vor zwei Jahren hatten meine Frau und ich noch überlegt, ob wir unsere Wohnung nicht kaufen sollte. Das werden wir uns bei der Entwicklung mittlerweile kaum mehr leisten können. Und hier kenne ich den ursprünglichen Kaufpreis ziemlich genau.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren