Alles in Ordnung — Teil II

Alles in Ordnung — Teil II

„Gleich steht er wieder auf.“, sagte ich zu Katherina, wie um sie zu beruhigen. Aber der Mann stand nicht wieder auf.

„Was sollen wir jetzt tun?“, flüsterte Katherina mir zu.

„Ich weiß es nicht Schatz.“ „Einfach so ins Bett gehen, so tun, als ob wir nichts gesehen haben, können wir nicht.“
Gleichzeitig wussten wir auch nicht, was wir überhaupt gesehen hatten. Katherina griff sich an die Brust. Die Aufregung. Wieder ihr Herz. Sie ging ins Badezimmer, an den Schrank mit den Medikamenten. Hin- und hergerissen schaute ich weiter auf die Straße. Gegenüber ging in einer Wohnung das Licht an. Ein Fenster wurde aufgerissen. Die Stimme war bis zu uns im Wohnzimmer zu hören.

Alles in Ordnung — Teil II
psychotraffic / Pixabay

„Hallo? Hallo, sind sie verletzt?“

Der Mann auf der Straße antwortete nicht. Dann ging Licht auch im Hausflur gegenüber an. Von hinten trat Katherina heran, stellte sich hinter mich, legte ihren Kopf auf meine Schulter. Ich drückte ihre nach vorne gesteckte Hand, hielt sie.

Draußen war der Nachbar jetzt bei dem Mann, der noch immer regungslos am Boden liegt. Er beugte sich über ihn, rüttelte ihn, dann mit einem Mal machte er einen Satz zurück.

„Jemand muss die Polizei rufen“, hörte ich ihn schreien.

Katherina und ich warteten weiter am Fenster. Sie war so umsichtig und hatte das Licht im Wohnzimmer ausgemacht, nicht das nachher noch jemand auf die Idee käme, bei uns zu klingeln. Es verging nicht viel Zeit, dann war die Polizei da.
„Die Polizei ist da Schatz, alles in Ordnung. Wir können ins Bett gehen.“ Sie nahm meine Hand, streichelte über die faltige Haut, dann gingen wir ins Badezimmer. Ihr Gebiss neben meinem im Glass. Ihr Körper neben meinem im Bett.

„Alles in Ordnung.“, flüsterte ich ihr noch zu, dann schliefen wir ein.
Am nächsten Morgen hörten wir im Radio, dass in unserer Straße ein 54 Jahre alter Familienvater mit 20 Messerstichen erstochen worden war. Einer der Stiche hatte sein Herz getroffen. Selten aßen wir so wenig zum Frühstück wie an diesem Samstag Morgen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren