Alles in Ordnung

Alles in Ordnung

Katherina stand nach unserem gemeinsamen Fernsehabend noch am Wohnzimmerfenster. Das war ihr Ritual, mit dem für sie das Wochenende begann, nach all den gemeinsamen Jahren. Selbst nach dem wir beide schon längst nicht mehr arbeiten mussten und so für uns die Zeit wie ein einziges langes Wochenende war.

Der Film ging recht lang, worum es genau ging, weiss ich nicht mehr. Vermutlich war ich wie so häufig nach dem ersten Bier eingeschlafen. Von wegen, im Alter verträgt man nichts mehr. Schon seit einigen Jahren trinke ich nur noch alkoholfreies Bier. Trotzdem werde ich davon müde, vielleicht aus Gewohnheit. Ich weiss, ich schweife ab. Der Fernseher knisterte noch etwas, als ich ihn ausschaltete. Er hat noch eine Bildröhre. In unserem Alter noch ein neues Gerät kaufen, nein ich weiss nicht, ob sich das lohnt. Vielleicht nur, weil Katherina nicht mehr so gut sieht. Das was sich draußen abspielte, sah sie jedoch in aller Deutlichkeit und wird es auch so schnell nicht vergessen, genau wie ich. Nach dem der Fernseher aus war, blieb ich noch sitzen. Schaute das Bierglas an. Die Fernsehzeitung, die wir morgen, der eigentlich schon heute war, austauschen mussten. Die verstreuten Erdnussschalen auf dem Boden. Dann blickte ich rüber zu Katherina, die ihre verschränkten Arme gerade löste und mir signalisierte, ich sollte doch schnell rüber zu ihr mal kommen.

Alles in Ordnung
StockSnap / Pixabay

So was hatte sie nicht oft gemacht. Einmal, ich kann mich noch gut erinnern, legte sie ihren Zeigefinger an den Mund und drehte sich zu mir um. Es war ein paar Tage vor Weihnachten und draußen hatte es wie wild angefangen zu schneien. Als sie sich jetzt zu mir umdrehte, sah ich keine freudige Erregung in ihr, sondern eine Art ängstliche Verwunderung. So schnell es ging, stand ich auf und ging ocken ausgezogen hatte. Er lag sicher unter dem Sofa. Oder dem Couchtisch. Jedenfalls zog die Kälte am Fuß hoch, so dass ich mit der Fußsohle am rechten Unterschenkel rieb. Mein Kniegelenk knackte dabei etwas. So ist das nun mal im Alter. Als ich neben ihr stand, drehte sie sich wieder zu ihr, ans Fenster. Der linke Fuß wurde dabei etwas kalt, da ich wieder den zum Fenster. Der Vorhang war leicht zu Seite geschoben, so konnte auch ich auf die Straße schauen. Auf der anderen Seite, vor dem Mehrfamilienhaus, sahen wir zwei Männer. Heimkehrer von einer Feier. Oder welche, die gerade erst dorthin aufbrachen. Dann beobachteten wir, wie der Eine davon rannte, ohne sich nach dem anderen umzusehen neben dem er gerade noch tand. Der Andere bewegte sich ein Stück auf die Straße, taumelte, dann stürzte er zu Boden. Ich dachte noch, der hat bestimmt zu viel getrunken.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren