Grablampen — Teil IV

Grablampen — Teil IV

Die Leuchtreklame draußen flackerte. Zeit für den Rückweg, bevor auch der Friedhof geschlossen wurde. Mit der Tüte in der Hand passierte er das Tor am Eingang. Mechanisch ging er den Weg zurück zum Grab seiner Frau, sah weder rechts noch links andere Besucher.

Niemand mehr, der noch wie er unterwegs war. Die Plastiktüte wog schwer in seiner Hand und hinterließ einen roten Striemen an den Innenseiten seiner Finger. Nur noch der nächste Verbindungsweg, dann war es geschafft. Kurz blieb er stehen und blickte zur Lampe hoch. Ihr Licht brannte bereits, obwohl die Dämmerung noch nicht eingesetzt hatte. Die ersten Mücken umschwirrten die Lampe. Gerade als er weitergehen wollte, hörte er ein Scheppern. Im Abschnitt zu seiner Rechten musste etwas zu Boden gefallen sein.

Grablampen — Teil IV
emmzett / Pixabay

Auf dem Weg, der an den Gräbern entlang führte, sah er eine hockende Person. Auf dem Kantenstein lag eine Sporttasche. Noch während er näher kam, wunderte er sich darüber, dass jemand mit einer Sporttasche auf den Friedhof ging. Die Person bemerkte ihn nicht. Sie schien vertieft darin zu sein, Teile vom Boden aufzuheben, die dort verstreut lagen. Beim näher kommen sah Lübbe den von der Tasche abgerissenen Griff. Dann das, was diese nur noch zum Teil enthielt. Grablampen. Fast von alleine wanderte seine rechte Hand in die Tüte, fand dort etwas und umklammerte es. Dann befand sich die Hand mit der Lampe in der Luft. Der Arm holte aus und der schwere Gegenstand traf den Hinterkopf mit voller Wucht. Das Glas der Lampe splitterte, eine Scherbe traf ihn an der Hand, hinterließ einen Schnitt. Die Grablampe fiel zu Boden. Die Arme schlaff am Körper starrte er auf das, was vor ihm auf dem Boden lag. Auf dem Friedhof war es still wie zuvor. Nur das laute Klopfen seines Herzens dröhnte ihn seinen Ohren. Im Mund spürte er den Geschmack von Blut. Er hatte sich auf die Zunge gebissen. Seine Hände zitterten, er fingerte in seiner Manteltasche. Darin befand sich nur sein Feuerzeug für das Grablicht. Schweiß stand auf seiner Stirn, den er mit den Ärmel seiner Jacke abwischte. Dann massierte er sich mit der Hand die linke Brust. Die Stiche ließen langsam nach.

Lübbe wendete sein Gesicht ab, als er sich nach der Grablampe bückte, die er gerade erst gekauft hatte. So wie sie jetzt aussah, konnte er sie auf keinen Fall auf das Grab stellen. Mit der Lampe in der Hand ging er zurück zum Brunnen, wo die Gießkannen gefüllt werden konnten. Unter dem Wasserstrahl wusch er sie, so gut es ging ab. Seine Hände schmerzten vom kalten Wasser. Aus dem Schnitt am Handrücken kam immer noch Blut. Lübbe stellte die Lampe auf den Rand und hielt seine Hände direkt unter den Strahl. Der Schnitt war nicht besonders tief. So gut es ging, trocknete Lübbe seine Hände an der Hose ab. Wiltrud sah so was nicht gerne. Daraufhin nahm der die Lampe vom Brunnenrand wieder auf und trug sie an das Grab seiner Frau. Platzierte sie genau dort, wo auch die anderen gestanden hatten. Diesmal würde sie nicht verschwinden, da war er sich ganz sicher. Mit dem Feuerzeug entzündete er das Grablicht, stellte es in die Grablampe. Auch ohne die Glasscheiben sah es wieder ordentlich aus. Wiltrud würde es jetzt in der Dunkelheit wieder hell haben.

Dann ging Lübbe zurück zu dem Weg, wo die Grablampen lagen. Mit genügend Abstand zwischen ihm und dem was dort lag blieb er stehen. Er wartete. Doch der Mensch auf dem Boden stand nicht wieder auf. Ratlos rieb er sich mit einer Hand über den anderen Handrücken, blickte auf seine Uhr. Der Eingang vom Friedhof war noch nicht verschlossen. Er sah an sich herunter. Auf seiner Kordhose befanden sich ein paar Spritzer. Wiltrud hätte gewusst, wie man so was wieder aus dem Stoff rausbekommt. Besser wäre es, zu gehen. Das würde schon in Ordnung kommen, versuchte er sich selber zu beruhigen. Nur noch durch den Eingang, dann ein Stück über den Parkplatz und er könnte sich in sein Auto setzen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren