Grablampen — Teil II

Grablampen — Teil II

Jeden Dienstag, Freitag und Sonntag besuchte er Wiltrud auf dem Friedhof. Mittwochs ging er auf den Wochenmarkt. Jeden Montag und Donnerstag kaufte er im Supermarkt ein, am Samstag nur dann, wenn noch etwas fehlte.

Das Kochen hatte er aufgegeben. Ohne Wiltrud machte es keine Freude mehr. Die erste Zeit versuchte er es. Jedes Mal waren es viel zu große Portionen, der er kochte. Für zwei Personen, wo er doch nur noch alleine war. Am Küchentisch saß er dann und starrte auf seinen Teller. Wenn er aß, dann nur zögernd, denn es schmeckte ihm nicht mehr. Am Tisch fehlte das vertraute Gesicht gegenüber. Die Art und Weise, wie sie die noch heiße Suppe auf dem Löffel pustete. Der traurige Blick, mit dem sie die Ränder des Brots abschnitt, um es besser kauen zu können. Schließlich der Moment, als ihr das Besteck einfach aus der Hand fiel.

Grablampen — Teil II
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Vor dem Ausgang sah Lübbe eine freie Fläche. Dort waren die Grabsteine entfernt worden, den größte Teil der dortigen Gräber hatte man bereits eingeebnet. Nur der Feierabend gab den dort Liegenden noch einen letzen Aufschub. Befristete Totenruhe. Die Ewigkeit in der kommunalen Fiedhofsordnung währte vierzehn Jahre. Das Restaurant gegenüber dem Friedhof blieb heute geschlossen. Ruhetag. Sonntags nach seinem Besuch bei Wiltrud ging er dort essen. Er war dann auch etwas unter Leute, auch wenn er stets schweigend alleine aß. An den anderen Tagen ließ er sich von einem Menülieferdienst sein Essen nach Hause kommen. Der Blumenladen lag vor ihm. Am Eingang stand ein Kübel mit Zweigen, an denen Blüten in sanftem Lila hingen. Syringa vulgaris, der gemeine Flieder. Der betörende Duft erinnerte ihn an seine Frau.

Zuerst hatten sie in einem Erdgeschoss eines Hauses mit zwei anderen Parteien gewohnt. Hinten raus zur Küche lag ein kleines Stück Garten. In einer Ecke des Rasens, dort wo die Sonne fast den ganzen Tag über schien, wuchs ein Fliederbaum. Wiltrud war ganz vernarrt in den Flieder. Für sie war es ein großer Verlust, als das Haus verkauft wurde und sie ausziehen mussten. In dem Hochhaus, das sie danach bezogen, fehlte ihnen beiden der Garten. Die Aussicht von der Küche war auch ein anderer. Sie blickten von oben auf die Stadt, sahen die Bahngleise und einen Funkturm. Flieder gab es dort nicht mehr.

Die Ladenglocke bimmelte, als er eintrat. Der Besitzer stand an der Ladentheke und stutzte einen Strauß Blumen zurecht. Sie waren sich zum ersten Mal begegnet, als es um die Erstherrichtung von Wiltruds Grab ging. Erstherrichtung, Provisorium. Die Worte hatte er nicht vergessen, weil sie ihm so fremd vorkamen. Dabei ging es nur darum, den Erdhügel abzutragen und die verwelkten Kränze zu entfernen, ein Beet anzulegen. Man hatte ihm zu Heidekraut geraten, weil es so robust sei.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren