Grablampen

Grablampen

Regelmäßige Besuche waren Heinrich Lübbe wichtig, auch wenn er dabei nur die Stille seiner Wohnung gegen die Stille auf dem Friedhof eintauschte. Sie war zu seinem ständigen Begleiter geworden.

Wie ein Kleidungsstück, von dem man sich nicht mehr trennen mochte. Ein Gefühl zunehmender Vertrautheit mit dem Ort erfüllte ihn. Wiltrud. Beim Gedanken an sie wurde ihm schwer ums Herz. Auf ihrer Beerdigung hatte er sich um Haltung bemüht.

Grablampen
summa / Pixabay

Seine Schultern hingen nach vorne, während er mit der gefüllten Gießkanne zu ihrer Ruhestätte ging. Unterwegs zählte er seine Schritte, konnte aber doch nicht verhindern, weiter an sie zu denken. Ihre Stimme vermisste er wie alles andere seit dem letzten Sommer. Noch hoffend erreichte er das Grab. Diesmal bestimmt nicht, diesmal steht sie noch da.

Aber die Grablampe war wieder verschwunden, bereits zum dritten Mal innerhalb von sechs Wochen. Seine Hand fuhr unwillkürliche in die Manteltasche. Die Finger tasteten kurz, dann umschloss er die Flasche mit dem Nitrospray. Lübbe führte den Zerstäuber zum Mund und inhalierte einen kräftigen Sprühstoß. Achtlos weggeworfen lag das abgebrannte Licht auf der Platte mit ihrem Namen. Langsam stellte er die Gießkanne ab. Auf einigen Gräbern in der Nachbarschaft fehlten auch die Lampen. Einfacher wäre es, nur das Plastiklicht zwischen das Heidekraut zu stellen. Der Metalldeckel würde die Flamme vor der Witterung schützen. Nicht zum ersten Mal dachte er daran, dennoch kam es nicht in Frage. Ein ordentliches Grab. Das Einzige, was er für Wiltrud noch tun konnte.

Mit langsamen Schritten ging er zurück zum Ausgang. Seit Anfang April hatte der Friedhof wieder länger geöffnet. Wie die Male davor würde er eine neue Grablampe kaufen.

Die Frage, wer das Grab seiner Frau pflegen sollte, wenn er nicht mehr dazu die Kraft fand, beschäftigte ihn unterwegs. Aufmerksam hatte Lübbe die Zeitungsanzeige einer Gärtnerei studiert. Telefonisch erkundigt er sich, auf wie viele Jahre man im voraus bezahlen könne. Der Mitarbeiter der Gärtnerei lachte erst etwas unsicher, bevor er sich dann für einen Moment entschuldigt. Er müsse seinen Chef fragen. Die Unterhaltung im Hintergrund drang nur undeutlich durch den Hörer. Dann ging der Chef selber ans Telefon. Die Pflege könne bis zur maximalen Liegedauer übernommen werden, entsprechende Bezahlung vorausgesetzt, lautete die Antwort. Höflich bedankte Lübbe sich und versprach, sich noch mal zu melden. Maximale Liegedauer. Der Begriff klang ihm jetzt noch immer im Kopf.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren