Routine — Teil II

Routine — Teil II

Kern seiner Predigt sollte ein Vers aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther bilden. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, die Größte aber von diesen ist die Liebe.“

Ihm selber war nichts geblieben, nicht mal mehr die Liebe zu dem, was er tat. Als letztes hatte er von allen die Hoffnung verloren. An den Zeitpunkt konnte er sich noch gut erinnern, als ob er ihn für alle Zeiten im Kalender angestrichen hätte.

Der Arzt brachte ihm damals die Diagnose so schonend wie möglich bei. In seiner Stimme lag kein Spot. Es dauerte einen Moment, bis das, was der Arzt ihm sagte, zu ihm vordrang. Aus der Ungewissheit wurde Erkenntnis. Zum ersten Mal in seinem bisherigen Leben fühlte er sich völlig alleine. Er fuhr nach dem Termin beim Arzt nicht sofort zurück. Seinen Wagen parkte an der Absperrung, dann ging er runter an den alten Fähranleger, über die aufgeplatzten Betonplatten. Der Rhein lag schweigend vor ihm. Ebenso schweigend schaute er aufs Wasser. In seinem Blick kein Vorwurf.

Routine — Teil II
Didgeman / Pixabay

Auf der anderen Seite des Rheins sah er den Kirchturm von D, der ihm weiter entfernt als sonst vorkam. Schiffe zogen in der Mitte des Flusses an ihm vorbei, Wellen schlug gegen den Anleger. Die größeren erreichten Kieselsteine, die noch trocken waren. Seine Schuhe wurden nicht nass, immer wieder wich er weiter zurück, wenn eine Welle sich seinen Füßen näherte. Stück für Stück leerte sich sein Kopf, dann nur noch Stille seiner eigenen Hoffnungslosigkeit. Als er hinter sich eine Familie mit Kindern hörte, drehte er sich um und ging zurück zum Auto. Sein Haushälterin hatte einen ihrer freien Tage, so das selbst sie ihn nicht vermisste hatte, als er erst spät am Nachmittag wieder im Pfarrhaus war. Monate brauchte er, um zumindest ihr sagen zu können, wie die Dinge standen. Ihre Reaktion war dann nur ein Schulterzucken gewesen, bevor sie wieder ihrer Arbeit nachging, auf die gleiche Weise, wie sie es bereits bei seinem Vorgänger getan hatte. Danach sprachen sie nie wieder über das Thema, bis sie vor zwei Tagen die Terminbestätigung vom Krankenhaus beim saubermachen in seiner Schreibtischschublade gefunden hatte.

Voller Resignation legte er die Rede auf den Stuhl, stütze sich auf der Lehne ab. In sich hineinhorchend verharrte er in dieser Position. Die Schmerzen an Oberschenkeln und Rücken machten sich wieder bemerkbar. Dazu kam seine Müdigkeit. Statt durchzuschlafen wachte er nachts immer wieder auf, quälte sich zur Toilette und konnte sich dort nur ein paar Tröpfchen abringen.

In seine Verzweiflung hinein fingen die Glocken an zu läuten. Wie an unsichtbaren Fäden gezogen ging ein Ruck durch seinen Körper, er griff sich wieder das Manuskript mit der Predigt und machte sich auf den kurzen Weg rüber in die Kirche.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren