Routine

Routine

Wie jeden Sonntag stand er morgens nackt vorm Spiegel und schaute runter zu dem, was er gelobt hat nicht zu verwenden. In seinem Beruf musste er sich keine Gedanken über die Folgen einer Prostataoperation machen.

Es gab nichts, was er zu verlieren hatte. Jedenfalls nicht dort unten. Angst bereitete ihm der Termin im Krankenhaus dennoch. Während der Eucharistiefeier zwischen den Beinen einen warmen Strahl zu spüren. Die Vorstellung quälte ihn mehr als alles andere. Nichts mehr unter Kontrolle haben, den letzten Rest Würde verlieren. In Gottes Hand. Eine Redewendung. Der Ausdruck seiner eigenen Ohnmacht. Die Kälte des Fußbodens kroch über die Fußsolen an seinen Beinen hoch. Einen Moment hielt er den Schmerz noch aus. Dann trat er zurück auf den Teppichläufer. Hinter ihm auf dem Stuhl lag seine Unterwäsche und die Socken, die er sich als erstes anzog. An der Tür stand schon der Koffer, den seine Haushälterin bereits gestern für ihn gepackt hatte. Noch einen Tag, Montag, dann würde er ins Krankenhaus fahren. Noch ein Arbeitstag lag vor ihm. Der übliche Gottesdienst. Keine Trauung, keine Taufe.

Routine
sharonang / Pixabay

Längst wussten die Gemeindemitglieder, wie stark er nachgelassen hatte. Man ging für diese Dinge mittlerweile ins Nachbardorf. Hinter seinem Rücken wurde über ihn gesprochen, als ob er es nicht merken würde. Für Beerdigungen war er noch gut genug. Wobei er den Verdacht hegte, die Angehörigen der Verstorbenen kam aus Bequemlichkeit zu ihm. Und auch, weil sich der Verstorbene nicht mehr widersetzen konnte. Als letztes zog er sich das Messgewand über. Noch mal ein prüfender Blick in den Spiegel. Weniger um eine Form von Eitelkeit zu befriedigen denn um sich des korrekten Sitzes zu vergewissern. Alles musste seinen Platz haben. Wenn schon in seinem Körper nichts mehr in Ordnung war, so galt es so gut es ging den Schein zu waren. Schon lange gelang ihm das lediglich unter großer Anstrengung. Viel zu oft hatte er die Entscheidung hinsichtlich der Operation aufgeschoben.

Vollständig angekleidet nahm er den Text seiner heutigen Predigt zur Hand. Vor Monaten für eine nicht stattgefunden Trauung geschrieben, um jetzt noch mal ohne besondere Anlass hervorgeholt zu werden. Warum sich noch Mühe geben. Vielleicht würde sich eine Hand voll Touristen in den Gottesdienst verirren, dazu dann noch die ganz Alten, die zu gebrechlich waren, um eine anderen Kirche aufzusuchen. Wie oft in den letzten Wochen stellte er sich die Frage, wer bei seiner Beerdigung die Messe für ihn lesen würde, wer den Sarg zum Grab geleiten würde. Etwa ein halbes Jahr war die Diagnose des Arztes jetzt her. Eine Vorsorgeuntersuchung gab es auch für Priester. Gottes größte Geißel machte auch vor ihrem Berufsstand keinen Halt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren