Von Sorgfalt und Recherche

Von Sorgfalt und Recherche

Selbst wenn man rein fiktionale Texte schreibt, lässt sich Recherche nicht immer vermeiden. Sie ist notwendige Voraussetzung für Glaubwürdigkeit.

Vorausgehender Faktencheck

In meinem Blog hier versuche ich nach Möglichkeit vor dem schreiben eines Textes Recherche zu betreiben. Zu prüfen, ob die Fakten, welche meinen Artikel stützen, auch der Wahrheit entsprechen. Natürlich gelingt das nicht immer — gerade wenn ich etwas unter Druck stehe, unterlaufen mir schon mal Fehler. Möglicherweise bin ich dann nicht gründlich genug einer Quelle nachgegangen. Oder aber habe durch die eigene Filterblase nur die Quellen herangezogen, die die These belegen. Das ist nicht sorgfältig. Hinterher könnte ich mir dann in die Hand beißen, wenn etwas ganz offensichtlich falsch hervor sticht.
Zur Sorgfalt und der Recherche gehört für mich auch unbedingt Kritikfähigkeit. Ich weiß, dass ich Fehler (nicht nur Tippfehler) mache und bin für Hinweise dankbar. Ausnahme gibt es nur dann, wenn der Tonfall daneben ist. Dann kann ich mich schon mal verrennen. Das man nie von sich auf andere schließen sollte, ist so eine Redensart. Kann man hinterfragen, denn manchmal möchte man gerade wenn es zu, Beispiel um so was wie gesunden Menschenverstand geht, unbedingt von sich auf andere schließen.

Mit Recherche wäre das nicht passiert
Angebliche Regeln für Lehrerinnen 1915

Unterstellte Gutartigkeit

in der Regel unterstelle ich daher erstmal den allermeisten Menschen keine böse Absichten. Wie gesagt, auch mir unterlaufen Fehler. Unglücklicherweise setze ich nach wie vor voraus, dass insbesondere in meinem Umfeld (Blogger, Autoren, Genossen etc.) zuerst die Recherche steht bevor man etwas verbreitet. Eine Art Fünf-Minuten-Faktencheck. Hält sich leider nicht jeder (großartige Untertreibung) dran. Entsprechend schnell entsteht dann in den sozialen Netzwerken so was wie eine Hysterie. Es entsteht eine Eigendynamik mit zunehmender Verbreitungsgeschwindigkeit. Eine Lawine, die auch kritische Stimmen verschütten kann.
Kommen wir langsam zum Punkt. Vor einigen Tagen kursierte bei Facebook ein Foto mit einer Liste. Darauf Regeln für Lehrerinnen anno 1915 in der Schweiz. Die sind weiter oben noch mal als Foto eingebunden, damit man sich selber ein Bild vom Inhalt machen kann. Schnell steigt der Blutdruck und ohne an die Recherche zu denken teilt man so was, schließlich gilt es für Gleichheit und Frauenrechte einzutreten — was ja auch an sich löblich ist.

Recherche signalisiert Sorgfalt

Als ich bei Facebook über das Bild stolperte, wurde ich stutzig. Mit der Schweiz kenne ich mich nicht aus, aber mit dem Schulsystem und vor allem der Geschichte des Schulunterrichtes. So was lernt man unter anderem im Studium, wenn man auf Lehramt studiert und ein Schulmuseum wie in Bielefeld hat. Wenn ich ehrlich bin, es brauchte weniger als fünf Minuten, um via Google und den Suchbegriffen „lehrerinnen 1915“ auf eine Spiegel-Artikel (Regeln für Lehrerinnen 1915: Ist die Liste echt?) vom vergangenen Jahr zu stoßen. Es war zumindest bei mir direkt der erste Treffer.
Schnell merkt man beim lesen des Artikels, was alles an dem Zettel nicht stimmt. Schrifttyp, Parpierart und auch die Wortwahl. Die wirkt authentisch, ist es aber nicht. Ob es damals so viele Eisdielen geben hat, die Anlass zum Aufstellen einer Regel waren, sei dahingestellt. Aber von herumtreiben würde man im Amtsdeutsch im Zusammenhang mit Lehrkräften eher nicht sprechen.

Mangelnde Kritikfähigkeit

Auf meinen Post mit dem Link zum Spiegel-Artikel erhielt ich eine, wie ich finde, etwas freche Antwort:

Danke für den Hinweis, der das Ganze löblicher Weise kritisch hinterfragt, widerlegen tut er es allerdings nicht.

 

Hier bestätigte man seine Faulheit zur eigenen Recherche. Gleichzeitig signalisierte man mangelnde Kritikfähigkeit. Dankenswerter Weise sprang mir jemand helfend zur Seite und wies auf einen Artikel bei Archivalia hin. Nur weil etwas glaubwürdig wirkt, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch echt ist. Das könnte eigentlich ein schöner Schlusssatz sein.

Forderung nach Gleichstellung

Mein wirklich größtes Problem mit den angeblichen Regeln ist, dass sie für den heutigen Kontext absolut irrelevant sind. Hier darf man auch gern mal hinterfragen, was damit bewirken werden soll, wenn man so was veröffentlicht. Sicher, viele empören sich vorhersehbar. Aus meiner Sicht aber ist das Empörung an falscher Stelle. Solange Frauen um rund 21 Prozent schlechter bezahlt werden als Männer in gleichen Berufen, gibt es sollte man sich darüber aufregen. Besser noch aktiv werden und gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen. Und wenn wir Arbeitsfeld Schule bleiben, so gibt es dort auch deutliche Unterschiede in der Bezahlung zwischen verbeamteten Lehrerinnen und ihren angestellten Kolleginnen. Das ist erheblich wichtiger als die Frage, ob man sich als Frau 1915 in einer Eisdiele „herumtreiben“ durfte.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren