Eindrücke nach der Wahl

Eindrücke nach der Wahl

Den gestrigen Tag brauchte ich, um meine Eindrücke nach der Wahl etwas zu sortieren — auch wenn weiteres auf mich einprasselte.

Erster Schock

Der erste Schock traf mich kurz nach 18 Uhr, als wir gerade dabei waren, die Wahlurne auszuleeren. Dank Smartwatch beim ich die Eilmeldungen der Süddeutsche Zeitung. Das die AfD drittstärkste Partei wird, wusste ich ab dann. Befürchtet hatte ich es schon vorher. Damit war ich jedoch nicht alleine und möglicherweise ist damit auch erst eine sich selbst erfüllende Prophezeiung geworden. Das muss und werde ich später erklären. Oder es zumindest versuchen.
Beim auszählen selber verfestigte sich dann der Eindruck des Tages, dass die Wahlbeteiligung diesmal spürbar höher gewesen ist. Zumindest im Stadtteil Nippes lag sie diesmal bei 82,67 Prozent. Hier hatte auch die AfD keine Chance. Wobei es woanders nicht an den Nicht-Wählern gelegen hat, dass die AfD so stark wurde. Etwas mehr als zwei Stunden war ich dann nur mit der Auszählung beschäftigt, was auf gewisse weise auch ablenkt von der Befürchtung, irgendwie am nächsten Tag in einem anderen Land aufzuwachen.

Elefantenrunde nach der Wahl
Sponchia / Pixabay

Am Rande der Elefantenrunde

Das Erste, was ich dann zu Hause zu Hören bekam, war die Ankündigung des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland. „Wir werden unser Land verändern. Wie werden sie jagen, Angela Merkel oder wen auch immer, und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Wie ein Kaninchen starrte ich auf den Bildschirm. Das hörte sich nicht wie 2017 ab, sondern wie Anfang der 1930er Jahre. Menschen zu jagen, von Land und Volk sprechen — es ist befremdlich, es ist gruselig. Es ist auch mein Land und auch ich bin Deutscher. Mit dem erheblichen Unterschied, dass die AfD nicht meine Partei ist und erst recht nicht für mich spricht. Für mich ist das keine Partei, sondern ein rassistischer Hetzverein, der unsere Demokratie bedroht. Das war sie schon vor der Wahl und wird es auch nach der Wahl bleiben.
Dann gab ich mir die Elefantenrunde und sammelte auf diese Weise weitere Eindrücke. Angela Merkel wirkte staatstragend und nach der Wahl genau so sympathisch wie vorher. Ja, ich finde Merkel mittlerweile sympathisch, auch wenn das früher überhaupt nicht so war. Ebenso wirkte Katja Kipping von den Linken seriös, bei Katrin Göring-Eckardt wusste ich dann, dass ich richtig gewählt hatte. Ruhig, moderierend, aber auch witzig und schlagfertig. Ehrlich gesagt wäre sie eine gute Vizekanzlerin unter Merkel. Selbst die FDP mit Christian Lindner machte eine gute Figur, auch wenn Lindern in den letzten Tagen etwas zu schlecht geschlafen hatte — so sagten es jedenfalls seine Augenringe.

Dominanz der AfD

Fehlen noch zwei in der Elefantenrunde, die nach der Wahl eingeladen wurden, damit man ihnen diskutieren kann. Nein, sorry, eigentlich drei, ich muss noch eine Person mitzählen. Den Wolf, der Kreide gefressen hat. Entsprechend also Jörg Meuthen von der AfD. Sein kalter Intellekt ist mindestens genau so gefährlich wie die ganz offenen Hetzer in seiner Partei. Natürlich versuchte alles klein zu reden. Integrierte Migranten mit deutschem Pass gehören für selbstverständlich zu Deutschland. Dennoch meinte er, dass er in manchen Innenstädten kaum noch Deutsche sehen würde. Genial die Antwort unserer Bundeskanzlerin: Sie können da nicht sehen, ob jemand die deutsche Staatsbürgerschaft hätte oder nicht sie würde da nur Menschen wahrnehmen (ich hoffe ich gebe das hier sinngemäß richtig wieder).
Das Gefährlich in der Elefantenrunde war die Dominanz eines einzigen Themas. Es war ausgerechnet der Spitzenkandidat der CSU, Joachim Herrmann, der als einzige protestierend darauf hin wies. Man würde die ganze Zeit über die AfD reden. Andere Themen kämen zu kurz und man würde damit nach der Wahl die Partei unnötig aufbauschen. Das sie überhaupt so stark geworden sei, so Herrmann, läge auch an den Medien (und den öffentlich-rechtlichen Sendern), die die AfD zu einem viel zu großen Thema gemacht hätten. Ehrlich, ich mag die CSU nicht. Und der Herrmann ist mir auch nicht sympathisch. In dem, was er sagte, liegt aber garantiert ein Stück Wahrheit. Statt die Partei mehr zu ignorieren, wurde sie in den letzten Monaten zum dominanten Thema, auch in meiner Filterblase.

Krawall-Schulz nach der Wahl

Einer fehlt noch in der Runde und den habe ich mir aus Gründen bis zu letzt aufgespart. Martin Schulz von der SPD, mein Genosse und Noch-Parteivorsitzender, saß natürlich auch dabei. Er war der Kanzlerkandidat der SPD, aber bei weitem nicht mein Kanzlerkandidat. So wie er sich verhielt, hat er sich davon auch noch weiter entfernt für mich. Das war kein ruhiger Politiker, sondern ein auf Krawall gebügelter Bursche. Angriffslustig um anzugreifen, Menschen in der Runde vor den Kopf zu stoßen, weil er gerade das schlechte Wahlergebnis der SPD seit 1949 eingefahren hat. So wie er sich verhalten hat, bin ich extrem froh, dass er nicht Bundeskanzler wird. Sein Umgang mit Angela Merkel in der Runde empfand ich als widerwärtig und verletzend. Hier zeigte er möglicherweise sein wahres Gesicht. Wie man so jemanden in der Partei noch bejubeln kann, ist mir schleierhaft.
Auch wenn ich es persönlich begrüße, dass er sofort nach der Wahl eine Koalition ausschloss und ankündigte, die SPD würde in die Opposition gehen, stört mich die Vorgehensweise. Wie mehrfach hier auch geschrieben, halte ich die Opposition für die SPD als eine Chance, wieder zu sich selber zu finden. Wenn man aber vor der Wahl ankündigt, man würde die Mitglieder abfragen, ob man in eine Koalition mit der Union eintritt und dann nach der ohne Befragung eine Koalition komplett ausschließt, dann ist das einfach undemokratisch. Die SPD ist nach wie vor dabei, sich selber mit großer Lust zu zerstören. Nach der Wahl, so heisst es, hätte die SPD bereits 1400 Neueintritte zu verzeichnen gehabt. Wenn das so weiter geht, hat die SPD bald mehr Mitglieder als Wähler.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren