Strafe genug

Strafe genug

Es war dieser eine Satz, der ihm ständig durch den Kopf ging. Immer und immer wiederholte er ihn, bewegte seine Lippen dabei, als die Worte stumm seinen Kopf verließen. „Ich muss mich dafür bestrafen.“ Sich selber bestrafen, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Mit zittriger Hand schrieb er einen Brief und setzte diesen Satz ans Ende. „Ich unterziehe mich selbst der größten Strafe.“

Seine Frau schlief schon lange, als er in der Küche ihres Einfamilienhauses aufstand und den Brief an dem Kühlschrank mit einem Magneten fest machte. Auf Augenhöhe. Dann las er noch mal durch, was er geschrieben hatte. Schüttelte den Kopf. Es kam ihm nicht richtig vor, den Brief dort einfach hängen zu lassen. Vorsichtig nahm er ihn wieder ab, faltete ihn zwei mal.
In der Küche suchte er nach einem Umschlag, auch wenn er wusste, dass dies der falsche Ort war. Der falsche Ort. Wieder der falsche Ort. Und wahrscheinlich auch die falsche Zeit, so wie damals, vor 21 Jahren.
Oben im Arbeitszimmer gab es sicher einen Umschlag. Dort würde er einen finden. Irgendwo zwischen den ganzen Papieren würde schon ein Umschlag liegen. Es war ihr Arbeitszimmer, ihr Schreibtisch. Er wollte ihn nicht durchwühlen, wollte nicht noch mehr Chaos hinterlassen. Vor allem wollte er sie nicht wecken. Sie würde ihm Fragen stellen, mit Sicherheit. Fragen, die nur dazu führen würden, dass er hinter seinem Rücken den Brief zerknüllen würde, um dann mit ihr zurück ins Schlafzimmer zu kehren. Nein, das wollte er nicht.

Strafe
PublicDomainPictures / Pixabay

Jeden Tag, den er verstreichen ließ, zog sich die Schlinge um seinen Hals immer weiter zu, bis er nicht mehr frei atmen konnte. Wann immer ein Wagen am Haus vorbei fuhr, lauschte er hinaus. Horchte, ob der Wagen nicht hielt, wartete auf das Klingeln an der Tür. Bisher blieb es aus, aber es würde kommen. Seit dem Fernsehbericht wartete er auf diesen Moment. Der Druck, den er spürte, wurde immer stärker. Das was ihn beschäftigte, konnte er nur noch mit Mühe vor seiner Frau verbergen. Die Monate in Rente, ohne Arbeit, saß er zu Hause. Konnte seiner Frau nicht mehr ausweichen, sah ihr zu, bei dem was sie tat. Viel war ihm nicht geblieben. Nur ein Rest Stolz. Aber nicht auf das, was damals geschehen war. Darauf war er nicht stolz. Es würde ihm aber niemand glauben, dass er da nur in etwas hineingeraten war. So was plant man doch nicht. Zumindest er hatte es nicht geplant.

Auf den gefalteten Brief schrieb er den Namen seiner Frau. Auch ohne Umschlag, sie würde ihn finden, auseinander falten. Ob sie ihn verstehen würde, wusste er nicht. Nicht mal er selber hatte sich verstanden. Wusste noch immer nicht, warum er es damals getan hatte. Aus einer Laune heraus hatte er eine Abkürzung genommen. Und auf einmal stand da dieses junge Mädchen mit einem Rucksack an der Straße. Kurz hielt er den Wagen an, ließ sie einsteigen. Die Bilder von damals kamen wieder hoch, als er vorsichtig die Haustür hinter sich zuzog. Seinen Schlüssel hatte er auf den Brief gelegt, er brauchte ihn nicht mehr. Zuerst war sie ganz zutraulich, plauderte mit ihm, erzählte davon, dass sie zu ihrer Schwester wollte.

Sie nannte einen Ort, wo sie hinwollte. Der lag auf seiner Strecke, aber er hörte ihr nicht richtig zu. Ihr Duft betörte ihn. Jungmädchenschweiß, vermischt mit Aufregung und Abenteuer. Ihm fiel es immer schwerer, sich auf die Straße zu konzentrieren. Lust kam in ihm hoch. Sicher, er hatte eine Freundin. Nicht die erste. Aber so richtig hatten sie noch nicht. Es gelang ihm nicht, die Gedanken aus dem Kopf zu verscheuchen. Bilder in seinem Kopf, eine Phantasie, die mit ihm durchging. Eine Vorstellung, in der er Dinge tat. Bestimmt, ja, er war sich sicher, würde es ihr auch gefallen. Dann bog er ab. Es sei eine Abkürzung, log er.

„Trautes Heim“ stand auf der Fußmatte und er wusste, dass das schon immer gelogen war. Mit der Kälte der Nacht verschwanden für einen kurzen Moment die Erinnerungen von damals. Langsame sog er die Luft ein, hielt sie an, bis die Lungen anfingen zu brennen. Dann stieß er den Atem auf einmal aus. Mehrmals wiederholte er das, ein Stück weit half es. Das Zittern in seinen Händen war immer noch da. Zu Ende bringen, was man angefangen hat.

Während er sich die Hose wieder hochgezogen hatte, war ihm das auch durch den Kopf gegangen. Die Anhalterin wimmerte nur noch. Ihr Mund war blutig an der Stelle, wo er sie geschlagen hatte, als sie doch nicht so wollte, wie er dachte. Als sie seine Hand abwehrte, die sich unter ihr T-Shirt geschoben hatte. Zu Ende bringen. Nicht das sie anfangen würde, über ihn was zu erzählen. Was dann die Leute von ihm denken würden. Man tut, was man tun muss in so einer Situation. Er drückte ihr den eigene Slip auf den Mund, damit sie nicht schreien konnte, er wollte nicht noch mehr von ihr hören. Vorhin, als die Lust ihn überwältigt hatte, hatte er es nicht als störend empfunden, im Gegenteil, es geilte ihn weiter auf. Jetzt wollte er nur seine Ruhe, wollte es hinter sich bringen. Ihr Gesicht wechselte die Farbe, als er sie mit den Händen, die harte Arbeit gewohnt waren, würgte. So lange, bis sie aufgehört hatte zu zappeln. Erst dann ließ er von ihr ab, sah sich um, realisierte, wo er überhaupt mit ihr hingefahren war. In diesem Waldstück würde sie so schnell niemand finden. Achtlos schmiss er neben ihren Körper den Rucksack und fuhr davon.

Für einen Moment dachte er darüber nach, ob er mit dem Wagen fahren sollte. Aber es war nicht weit. Zudem hätte er doch noch seine Frau durch den anspringenden Motor wecken können. Ganz so weit war es nicht, nur ein paar Straßen, dann über das freie Bauland, rauf auf den Bahndamm. Immer einen Fuß vor den anderen, er ging die Strecke wie in Trance. Strafe muss sein. Je schlimmer die Tat, desto größer die Strafe. Das war schon so, als er noch ein Kind war und sein Vater ihn übers Knie legte, wenn er wieder was ausgefressen hatte. Mit der Bestrafung war erst dann Schluss, als der Vater auszog, ihn und seine Mutter alleine ließ. Man kann seiner Strafe nicht entgehen. Irgendwann kommt alles ans Licht, hatte der Pfarrer gesagt. Und er hatte ihm nicht geglaubt damals. Über 21 Jahre hatte er es nicht geglaubt.

Fast strauchelte er beim Aufstieg. Das Gras am Bahndamm war feucht. Ganz im Gegensatz zu ihr damals. Mehrmals blieb er an Brombeersträuchern hängen. Die Dornen kratzen über seine Haut wie Fingernägel. Oben angekommen brauchte er erstmal eine kleine Verschnaufpause. Die Strecke war unbeleuchtet, nur das Licht von Mond und Sternen ließ ihn die Umrisse des Gleises erkennen. Mit dem rechten Fuß kickte er gegen etwas. Eine leere PET-Flasche flog über die Schottersteine, schlug mehrmals auf, bevor sie den Bahndamm runter rollte. Auch wenn er sie nicht sehen konnte, blickte er ihr in der Dunkelheit nach. Stellte sich vor, die Flasche wäre ein Teil von ihm gewesen. Fragte sich dabei, ob es wohl schnell gehen würde. Bei ihr hatte er sich Zeit gelassen, bis er kam. Trotz der Erregung.

Das Warten war schlimm. Ohne Uhr zog sich die Zeit wie ein langer Strang. Fast wie die Gleise, dessen Anfang und Ende ihm auch verborgen blieben. Noch stand er neben den Schienen. Wartete in die Stille hinein. Lauschte auf das Geräusch, welches die Strafe, die er sich zugedacht hatte, ausführen würde. Die Vibration der Schienen spürte er, bevor er den Signalton des Zuges hörte. Der Signalton, der die Dunkelheit gellend durchschnitt. Kein Zögern mehr. Er stellte sich ins Gleisbett, die Füße auf eine der Schwellen, um sicheren Halt zu haben. Dann breitete er die Arme aus. Immer nach vorne schauen. Hinter ihm kam der Zug schnell näher. Die Wucht des Aufpralls riss ihn auseinander. Größere Teile wurde noch ein Stück mitgeschliffen, seine Eingeweide auf der Strecke verteilt. Als der Zug zum Stehen kam, hatte er sich selbst genug bestraft. An andere hatte er dabei nicht gedacht. Hatte nicht gesehen, wie seine Frau am Schlafzimmerfenster stand. Wach geworden, durch die Lücke im gemeinsamen Bett. Wie sie ihm hinterher blickte, als er das Haus verließ. Sah auch nicht, wie sie, viel zu früh, seinen Brief fand. Wie sie ihr Gesicht in den Händen verbarg, als ihr Verstand die Lücken füllte in seinem Brief. Wie sie begriff, was er so lange verschwiegen hatte, während Leichenbestatter seine Reste in einen mit Folie ausgeschlagenen Transportsarg legten.

Stück für Stück löste sich das gemeinsame Leben vor ihr auf. Im Grunde, so wurde ihr bewusst, hat sie ihn nicht gekannt. All die Jahre mit einem Fremden gelebt. Aus dem sich auflösenden Leben hat er sich in der Nacht davon gestohlen, ließ sie zurück mit den Erinnerungen, die nun immer grausiger wurden. Sie fragte sich, immer noch am Küchentisch sitzend, genau auf dem Stuhl, wo er zuvor saß, womit sie diese Strafe verdient hatte.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren