Vollsperrung einer Brücke

Vollsperrung einer Brücke

Wer sich keinen Abenteuerurlaub leisten kann, sollte sich ein Bahnticket kaufen. Denn mit der Bahn erlebt man immer etwas. Die Vollsperrung einer Brücke etwa kann weitreichende Folgen haben.

Mein Abend gestern

Bahn fahren macht im Prinzip Spaß, wenn die Mitreisenden nicht wären. Im Regelfall finde ich die deutlich nerviger als die Verspätungen. Denn die gibt es nicht immer, Mitreisende dagegen schon. Besonders in Düsseldorf Zusteigende machen gerne auf dicke Hose. Voll war es gestern auf der Rückfahrt mal wieder, so dass meine Tasche ihr Anrecht auf einen Sitzplatz verwirkte. Nein, Spaß beiseite. Natürlich stelle ich die aus Bequemlichkeit auf den Nebensitz, räume sie aber sofort weg, wenn ich sehe, dass die freien Plätze knapp werden. Trickreich setze ich mich gerne auf Plätze, die beide ab Köln reserviert sind. Was aber wieder ein anderes Thema wäre und nichts mit Brücken zutun hat.
Der ICE, mit dem ich abends zurück nach Köln fahre, hält regulär in Köln Messe/Deutz. Von dort aus muss man dann mit dem Nahverkehr nach Köln auf die andere Rheinseite. Im Normalfall nehme ich eine der S-Bahnen, vorzugsweise die, welche auch bis nach Nippes fahren. Gestern stoppte der ICE bereits vor Deutz. Es gab dann eine viel zu leise Durchsage über die Gründe des vorzeitigen Halts. Eine Mitreisende klärten dann auf, denn sie hatte bereits etwas im Internet gelesen. Irgendwas mit der Sperrung einer Brücke.

ICE und Brücke in Köln
Andi_Graf / Pixabay

Den Hohenzollern ihre Brücke

Zwischen dem Bahnhof Köln Messe/Deutz und dem Kölner Hauptbahnhof liegt nicht irgendeine Brücke, sondern die Hohenzollernbrücke. Rund um sie finden immer reichlich merkwürdige Events statt, sie selber trägt als Schmuck Liebesschlösser. Tatsächlich ist sie jedoch als Brücke die Hauptschlagader der Bahn. Wenn sie gesperrt ist, geht weder Nahverkehr noch Fernverkehr — mit Ausnahmen, die nur Deutz ansteuern oder aber linksrheinisch zugeführt werden.
Der ICE fuhr dann mit etwas Verspätung doch noch bis Köln Messe/Deutz. Von dort aus konnte ich dann durch die Sperrung nicht mit dem Regionalzug über die Brücke. Selbst zu Fuß war ausgeschlossen, da wirklich die gesamte Hohenzollernbrücke gesperrt war. Also musste ich mit der U-Bahn zum Neumarkt fahren, dann dort umsteigen und mit einer anderen U-Bahn zum Ebertplatz um dort dann noch mal umzusteigen um bis zur Haltestelle Florastraße zu gelangen. Dann noch ein Stück zu Fuß und ich war 45 Minuten später als normal zu Hause. Immerhin, ich musste nicht noch extra dafür zahlen, was bei einem der wenigen Taxen vorm Bahnhof, um die sich fleißig geprügelt wurde, sicher der Fall gewesen wäre.

Grund der Sperrung

Noch im ICE erfuhr ich, warum die Brücke gesperrt worden war. Ein Mann würde sich auf ihr befinden. Warum, weshalb wurde nicht gesagt. Mitreisende, genau wie ich, reagieren in solchen Fällen mit ziemlichen Unmut. Die Sperrung dauert wohl schon einige Stunden, man wird dann extrem gehässig. Ein Mensch, der mit seiner Entscheidung in das Leben vieler anderer reinpfuscht. So was verdirbt einem den Abend. „Soll er doch springen“ gehört da meistens noch zu den harmloseren Sätzen, die man so hört.
Heute morgen las ich dann etwas über die Hintergründe. Aus Protest gegen seine drohende Abschiebung war ein 29 Jahre alter iranischer Asylbewerber auf die Brücke geklettert. Um, wie es hieß, auf seine Situation aufmerksam zu machen. Das ist ihm in jeden Fall gelungen. Eine Selbstmordabsicht soll er nach eigenem Bekunden wohl nicht gehabt haben. Ob seine Aktion ihm nützen wird, sei dahin gestellt. Gegen 19:40 Uhr hob die Bahn dann die Sperrung wieder auf.

2 Replies to “Vollsperrung einer Brücke”

  1. In der Bahn erlebt man definitiv immer wieder neue Sachen. Schön sind sie häufig nicht. Interessant immer mal wieder andere Geschichten zu hören und sich darüber auszutauschen. Danke für den Beitrag und gerne mehr davon, denn wir kennen es ja alle!. Viele Grüße aus Hannover von Michael Keulemann

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren