Autofrei in Tübingen

Autofrei in Tübingen

Das Konzept der autofreien Siedlung hier in Köln-Nippes ist ein Modell, aber kein Einzelfall. So wird auch in Tübingen probiert, wie man ohne Auto wohnen kann.

Autos nicht erwünscht

Am Donnerstag gab es in der Süddeutsche Zeitung einen Artikel über eine Siedlung im Französischen Viertel in Tübingen. Dort seien, so hieß es, Autos verpönt. Thorsten Schmitz hängt seinen Text auf an der Geschichte eines Automechanikers, der seine Werkstatt ausgerechnet im Viertel hat. Eben dort, wo die Autos nicht erwünscht sind. So was sorgt natürlich für Konflikte mit den Nachbarn. Man kann auf diese Weise natürlich an ein Thema herangehen. Besonders dann, wenn man die Bewohner erstmal ins falsche Licht rücken möchte. Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, erstmal mit ein paar Daten zur Nutzung des Autos in Deutschland und zu dessen Folgen für die Umwelt zu bringen. Einfach um zu verdeutlichen, wie dramatisch die Lebensqualität sinkt, wenn der Autoverkehr zunimmt. So wie Schmitz es angeht, sorgt es für eine andere Art der Polarisierung.
Natürlich kann man Autos nicht verteufeln, denn da, wo es keine Alternativen gibt, haben sie durchaus ihre Berechtigung. Nur es gibt aber eben Alternative, die durchaus mindestens genauso attraktiv sein können. Für mich liegt darin der Schlüssel, denn autofreies Wohnen bedeutet meiner Meinung nach immer autofrei leben — es setzt eine grundsätzliche Änderung der eigenen Verhaltensweisen voraus.

Tübingen im Spiegel
HannekeV / Pixabay

Tübingen versus Nippes

In Tübingen im Französischen Viertel ist man etwas anders herangegangen als hier in Köln-Nippes. Beiden Projekten gemeinsam ist, dass ein Standort, welche ursprüngliche einen anderen Verwendungszweck hatte, umgebaut wurde zu einem Wohnviertel. Hier in Nippes war es ein ehemaliges Ausbesserungsanlage der Bundesbahn, in Tübingen eine altes französisches Kasernengelände. Die autofreie Siedlung in Nippes wurde so konzipiert, dass in ihr tatsächlich das fahren von Autos nicht erlaubt ist. Der gesamte Bereich der Siedlung ist als Fußgängerzone angelegt. Das unterscheidet sie zum Projekt in Tübingen. Das Französischen Viertel entspricht im Kern eher einer verkehrsberuhigten Zone. Grundsätzlich ist Autofahren dort nicht verboten. Anders als hier in Nippes ist handelt es sich auch nicht um ein reines Wohnquartier, sondern um eine bewusst gewählte Mischnutzung. Unter dem Slogan „Stadt der kurzen Wege“ sollen wohnen, arbeiten und einkaufen verbunden werden. Für Autofahrer gibt es mit Ausnahme eines technischen unzulänglichen Parkhauses keine Möglichkeit, direkt im Viertel einen Stellplatz zu bekommen. Daher werden, so wie Schmitz es schreibt, die Autos in der näheren Umgebung abgestellt. Ein Phänomen nicht nur in Tübingen, sondern auch in Nippes. Hier wie dort gibt es Menschen, die nicht auf ihr Auto verzichten wollen und mehr oder weniger Wild parken.

Der Gegenwind

Man könnte jetzt lang und breit weiter diskutieren. Über die Unterschiede, die im Artikel deutlich hervortreten. Ein Artikel, der mir allein schon von der Überschrift her unsympathisch ist. „Leben in der Seifenblase“ — bewusst gewählt, um Ablehnung zu erzeugen. Aufschlussreicher als der Artikel selber ist, welche Wirkung er erzeugt. Wie Leserinnen und Leser drauf reagieren. Das was Tübingen versucht hat, ist in jedem Fall mutig. Leider wird das nicht so gesehen. Man spricht statt von Pionieren über „verbeamtete Grüne ohne Arbeitsplatz- und Zukunftssorgen“, die sich dort ihren Kokon geschaffen haben. Die gesellschaftliche Bereitschaft, sich eine Welt ohne Autos oder zumindest mit deutlich weniger Autos vorzustellen, ist nach wie vor zu gering. Gerade im Autoland Deutschland.
Wie über die Bewohner des Französischen Viertels in Tübingen gesprochen wird, klingt ziemlich genau so, wie man über die Bewohner der autofreien Siedlung hier in Nippes redet und denkt. Schaut man sich zum Beispiel bei Facebook um, findet man einiges an Gehässigkeit. Es wird nicht gesehen, welchen Mehrwert eine autofreie Siedlung hat und auch nicht. Lieber tanzt man um das goldene Auto, als drauf zu verzichten.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren