Ein Toter und drei Verdächtige

Ein Toter und drei Verdächtige

An anderen Tagen hätte sich Helene über die miserable Leistung von Carl aufgeregt. Heute war ihr das egal. Er müsste nur zu Ende spielen, damit sie genügen Zeit hatte. Sie ging den Plan noch mal durch, versuchte Lücken zu finden.

Alles war perfekt. Sogar die drei Trottel waren artig in ihrer Falle getappt. Einer davon saß vor der Garderobe. Offensichtlich hatte er es nicht mehr ausgehalten und wollte gleich sofort mit Arnsburg sprechen. Das musste sie auf jeden Fall verhindern.

„Kann ich Ihnen weiterhelfen, Herr Hartlieb?“
Tilo war überrascht. So freundlich kannte er Funke eigentlich nicht.
„Ich muss unbedingt mit Herrn Arnsburg sprechen“. Bevor sie darauf etwas sagen konnte schob er noch „Es geht um eine offene Rechnung.“ nach.
Um welche, konnte sich Helene schon denken. So sah der Typ also aus, der die Untertitel geschrieben hatte.
„Sicher. Herr Arnsburg wird gleich nach der Aufführung Zeit für Sie haben und eventuelle Missverständnisse ausräumen.“
Die offene Rechnung war für Tilo kein Missverständnis.
„Wenn sie meinen.“
„Bitte, hier entlang.“ Helene öffnete eine der Türen. „Hier können sie auf Herrn Arnsburg warte. Ich sag ihm sofort Bescheid. Möchte sie vielleicht was trinken?“ Tilo schüttelte den Kopf. Große Lust zu warten hatte er nicht, viel zu lange schon hatte er gewartet. Von hier aus würde er Arnbsurg auch nicht sofort sehen können.
Helen zog die Tür zu und drehte sich um. Beinah wäre sie mit einer älteren Dame zusammengestoßen. Wer das war, brauchte ihr niemand zu sagen. In ihrer Branche sollte man Charlotte von Leiwa kennen.
„Frau von Leiwa, schön das Sie heute Abend zu uns gefunden haben.“
„Ich fürchte, die Freude ist einseitig geblieben.“
„Wie meinen Sie das?“
Statt einer Antwort warf Charlotte der Frau nur einen mitleidigen Blick zu. Den Ehrgeiz konnte sie zwar erkennen, aber hinter der Maske der Höflichkeit sah sie auch noch was anders. Diese Frau Funke sollte man nicht unterschätzen.
„Ich würde gerne noch ein Interview mit Ihrem Herrn Arnsburg führen. Vielleicht kann das ein Stück weit für die Aufführung entschädigen.“

Diesmal war es Heike, die eine Antwort schuldig blieb. Sie zuckte mit den Schultern und schloss eine Tür auf.
„Sie können hier auf Carl“, sie genoss es, den Namen zu betonen, „warten.“
Die Andeutung von Vertraulichkeit blieb Charlotte nicht verborgen.
„Danke“ entgegnete sie nur mit eiskalter Stimme.
Das war Nummer zwei. Fehlte nur noch der Schwule. Helene wusste ganz genau, dass der Ex-Liebhaber von Arnsburg im Publikum saß. Schließlich hatte sie auch bei ihm dafür gesorgt, dass er heute Abend hier war. Lange musste sie nicht auf ihn warten. Schon von weitem war er anhand seinen Schnaufens zu erkennen. Dem würde es sicher gut tun, ein paar Kilo abzunehmen. Helene sah an sich selber herunter. Auf ihre Figur konnte sie stolz sein.
„Kann ich Ihnen weiter helfen?“
„Ich. Ich muss, möchte zu Carl.“
„Sie meinen  Herrn Arnsburg.“
Ja.“
„Kennen sie Ihn?“ Helene genoss es, einen unsicheren Menschen zu quälen.
„Ja.“ erwiderte Carl schmalippig. Kennen war gut. Schließlich hatte er mit Carl mehrere Jahre Tisch und Bett geteilt.
Helene deutet ein Zögern an.
„Und wen darf ich melden?“
„Heiko Trautmann“
„Ach Herr Trautmann, schön das Sie gekommen sind. Herr Arnsburg wird sich sicher freuen. Kommen Sie, bitte hier entlang.“
„Kommen sie, folgen sie mir.“ Breitwillige trotte Heiko Helene hinterher. Der Raum, in dem sie ihn führte, sah nicht nach einer Garderobe aus. Eher nach einer Küche.
„Und Carl kommt hier hin?“
„Sicher, ich sage ihm Bescheid. Kann ich ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Ein Wasser bitte.“

Helen entnahm eine Flasche aus dem Kühlschrank, öffnete sie und stellte sie vor Heiko auf den Tisch.
„Schönes Halstuch habe Sie da. Darf ich?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie Heiko das Tuch vom Hals und stieß dabei das Wasser um. Wie beabsichtigt traf ein Teil des Wassers den Schal.
„Das tut mir leid. Ich bring das in Ordnung, warten sie.“ Helene verschwand und ließ Heiko ohne Halstuch zurück. Der sah nur auf den Wasserfleck, der sich auf seiner Hose gebildet hatte. Peinlich. Als ob er sich auf der Toilette ungeschickt benommen hätte. Was Carl wohl von ihm denken würde?
In wenigen Minuten würde Arnsburg von der Bühne kommen. Wie immer kostete er den Applaus bis zum Schluss aus. Helene blieben nur noch wenige Minuten. Sie beeilte sich, in die Garderobe von Arnsburg zu kommen. Als erstes schloss sie das Fenster auf. Arnsburg liebte frische Luft nach einer Aufführung. Die würde er gleich zur Genüge bekommen.
Dann nahm sie sein Smartphone und schaute nach neue Mails. Eine neue Mail. Den Inhalt kannte sie, aber die Nachricht muss wie gelesen aussehen.

Die letzten Zuschauer verließen den Saal. So schlimm war es doch nicht gewesen. Fast war Arsnburg wieder versöhnt. Allerdings war ihm noch immer nicht klar, warum Helene darauf bestanden hatte, dass er in diesem Stück mitspielte. An einer besonders hohen Gage lag es sicher nicht. Für seine Karriere war so ein Auftritt auch nicht förderlich. Zumindest würde ihm der heutige Abend nicht schaden. Wenn alles nach Plan lief, säße er in etwas mehr als einer Woche im Flieger nach London. Der Vertragsunterzeichnung, so hatte sich Helene ausgedrückt, stand nichts mehr im Weg. Ein weiterer Sprung. Die große Chance zum internationalen Durchbruch. Vor allem aber eine wahnsinnige Ehre. Bisher hatte es nur einen Schauspieler gegeben, der nicht Engländer, Schotte oder Ire gewesen war.

Der Kontakt zur Filmfirma war über Helene zustande gekommen. Sie hatte auch die Vorgespräche geführt, soweit Arnsburg wusste. Als seine Mangerin war sie unschlagbar. Manchmal etwas zu hart, vielleicht. Bekäme Arnsburg die Rolle, würde er sie umgehend feuern. Im Allgemeinen war er nicht nachtragend. Mit der Ohrfeige hatte sie jedoch eine Grenze überschritten. Außerdem, und das war wesentlich entscheidender, würde sie mehr Gehalt fordern. Nein, das war es auch noch nicht. Kurz vor seiner Garderobe fiel es Arnsburg wieder ein, warum er sich von Helene Funke trennen würde. Sie erinnerte ihn an sein altes Leben. Drinnenstrahlte ihn Helene an. Dabei hatte sie ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ohne was zu sagen ging Arnsburg an ihr vorbei zum Fenster. Frische Luft. Arnsburg atmete durch, bevor er sich wieder umdrehte.
In den Gesichtszügen von Helene war keine Anspannung zu sehen. Gerade das machte Arnsburg stutzig.
„Und?“ Auf seinen üblichen Zusatz, ‚wie war ich‘ verzichtet er.
Ohne Vorwarnung warf Helene ihm etwas zu. Instinktiv fing er das Halstuch auf. An einem Ende war es leicht feucht. Fragend blickte er Helene an. Sie ging auf ihn zu, kam ganz nah. Die Worte, die sie ihm ins Ohr flüsterte, waren das letzte, was er hörte.
„Es hat nie eine Anfrage aus London gegeben.“
Arnsburg war erstaunt. Zu einer Antwort kam er nicht mehr. Mit beiden Händen stieß Helene ihn gegen den Fensterrahmen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten.
Nicht mal ein Schrei drang über seine Lippen. Leicht enttäuscht trat Helene weg vom Fenster. Das war fast zu einfach gewesen. Mit hastigen Schritten verließ sie den Raum. Jetzt kam es darauf an, schnell genug unten vor der Tür zu sein. Eine Sache war aber vorher noch zu erledigen. Eilig riss sie die Tür der Teeküche auf.
„Herr Arnsburg erwartet Sie jetzt in seiner Garderobe.“
Bevor Heiko antworten konnte, war Helene schon im Treppenhaus.

Heiko stand auf und ging durch die offene Tür auf den Flur. Er sah sich kurz um. Die Tür mit der angegebenen Zimmernummer befand sich schräg links auf der anderen Seite des Gangs. Er klopfte. Klopfte erneut. Nach dem dritten Klopfen trat er ins Zimmer. Niemand war da. Später würde er es als den zweitgrößten Fehler seines Lebens bezeichnen, aus lauter Neugier aus dem Fenster geschaut zu haben. Fast gleichzeitig griffen Charlotte und Tilo zur Türklinke von Zimmer 203.
„Sie“ Charlotte beendete ihre Frage nicht
„Hier?“, ergänzte Tilo.
Dann rissen sie die Tür auf und quetschen sich gemeinsam durch. Jeder von ihnen wollte als Erster der Quelle des Schreis auf den Grund gehen. Am Fenster stand Heiko und hielt sich die Augen zu.
„Oh Gott Carl.“
Dann erkannte er, was Arnsburg in den Händen hielt.
„Mein Halstuch!“
Vierzehn Augenpaare blickten hoch zu ihm.
Im Hintergrund traten Tilo und Charlotte ans Fenster. Der Mann, der  dort unten lag, kam ihnen vertraut vor. Heiko wurde sich ihrer Gegenwart bewusst. Er drehte seinen Kopf von einem zum anderen.
„Ich war es nicht.“
„Das sieht aber ganz anders aus.“ Charlotte hatte als erste ihre Fassung wiedergewonnen.
„Schade um das Geld.“ Tilo konnte seine Enttäuschung nicht verbergen.
„Welches Geld, wenn ich fragen darf?“ Tönte es von hinten. Die drei drehten sich um. Zum ersten Mal in ihrem Leben machten sie Bekanntschaft mit der Kriminalpolizei im Einsatz.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren