Zweiter Akt — Kalle lässt es krachen

Zweiter Akt — Kalle lässt es krachen

„Sie fahren also bis Duisburg.“ Die Feststellung von Hanno Schmidt, gespielt von Arnsburg, sollte vorwurfsvoll klingen.
Am liebsten wäre Tilo im Sitz versunken.

Dieses Stück war die reinste Tortur. Während der Krefelder Theater-Tage wurde selbstverständlich auch experimentelles geboten. So schlecht wie das hier musste es aber nicht sein. Im Grunde war es der Mühe nicht wert, sich weiter über das Stück aufzuregen. Wenn er mit Arnsburg sprechen wollte, musste er bis zum Ende bleiben. Jedenfalls fast bis zum Ende, denn um Arnsburg abzupassen, musste er vor ihm an der Garderobe sein. Aus dem Internet hatte er sich den Plan besorgt. Die Räume für die Schauspieler befanden sich in der dritten Etage. Umständlich, sogar unüblich. In Anbetracht der Tatsache, dass dies hier kein Theater, sondern eine ehemalige Fabrik war, ließ sich das aber zumindest nachvollziehen. Tilo schaute erneut auf die Uhr. Das Stück würde noch andauern. Genauso gut wie hier zu sitzen könnte er auch schon mal zu den Garderoben gehen. Er stand auf und erlöst sich selber von der Qual.

Mitten im Stück aufstehen. Das gehörte eindeutig zu den Dingen, die Charlotte auf den Tod nicht ausstehen konnte. Sicher, das Stück war schlecht, sehr schlecht sogar. Es würde ihr eine Freude sein, es in der Luft zu zerreißen. In Gedanken formulierte sie schon mal die Überschrift. „Arnsbug kam nur bis Duisburg“ oder besser noch, „Arnsburg saß im falschen Zug.“ Noch nicht ganz, aber die Richtung stimmte schon mal. Aufgrund der Stücke, in denen Arnsburg in der Vergangenheit mitgespielt hatte, wunderte sich Charlotte jedoch. Für sie schien es nicht zu passen, dass er hier die Hauptrolle übernommen hatte. Nach der Pause wirkte Arnsburg auch verändert. Ohne Motivation sprach er seine Rolle. Von spielen konnte keine Rede sein. Gelangweilt sah sich Charlotte die anderen Zuschauer an. Gut die Hälfte war nach der Pause nicht zurück gekommen. Der Mann vor ihr saß immer noch auf seinem Platz. Diesmal war er nicht eingeschlafen. Der sieht so aus, als ob er gleich auch noch klatschen wird. Charlotte schüttelte verächtlich den Kopf.

Heiko starrte gebannt auf die Bühne. Das Stück war ihm egal. Sein Interesse an Arnsburg war wieder erwacht. Carl wirkte wieder so verletzlich. Genau so, wie er ihn damals kennen gelernt hatte. Wehmütig dachte Heiko an die Zeit zurück.
Wie gerne wäre er jetzt der Schauspieler an der Seite von Carl gewesen und hätte seine Hand gehalten. Auch wenn er sich dafür vor dem Publikum verbeugen müsste. Heiko stand auf und klatschte.
„Idiot“ zischte es von hinten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren