Pause — Kalle lässt es krachen

Pause — Kalle lässt es krachen

Arnsburg saß mit einem nur lokal bekannten Schauspieler auf der Bühne in Sesseln, die wohl ein Zugabteil nachbilden sollten. Zwischen den beiden stand ein Klapptisch, darauf zwei Becher. Arnsburg schüttelte ein Tütchen mit Zucker.
„Sie sind also geschäftlich unterwegs“, wandte sich Arnsburg, in der Rolle von Hanno Schmidt, einem erfolgreichen Immobilienhändler, an sein gegenüber.
„Brauchen sie den Zucker noch?“
Wortlos reichte Arnsburg den Zucker rüber. Er schien noch auf die Antwort auf seine Frage zu warten. Während er andere den Zucker in seinen Kaffee schüttete, starte Arnsburg rüber. Aus dem Off war eine Stimme zu hören.
„Zugestiegene die Fahrkarten bitte.“ Die beiden Männer griffen gleichzeitig suchend an ihre Brusttasche. Dann endlich der Vorhang. Charlotte stöhnte auf. Statt einer Pause hätte dem Stück ein frühzeitiges Ende gut getan. Der Zuspätkommer vor ihr schien hinsichtlich der Qualität des Stückes ihrer Meinung zu sein. Er war eingeschlafen und ließ sich auch nicht durch das angehende Licht irritieren. Zumindest konnte Charlotte die Pause nutzen, um draußen ihrem Laster zu frönen. Eigentlich ein Skandal, dass draußen nicht mehr das Foyer war, sondern wirklich ganz draußen. Bei Wind und Wetter.
Beim Aufstehen stieß sie absichtlich an die Rückenlehne.

Nach Luft schnappend riss Heiko die Augen auf. Gerade war er noch auf dem Schulhof gewesen. Drei Jungs und der Klassenraudi hatten sich um ihn gestellt gehabt.
„Du bist also die Schwuchtel.“ hieß es. Dann hatte ihm einer von ihnen in den Rücken getreten. Er sah sich um. Das war hier nicht der Schulhof, sondern ein Theater. Langsam fiel es ihm wieder ein, warum er hier war. Mit Arnsburg sprechen. Auf der Bühne hätte er ihn fast nicht wiedererkannt. So männlich war er. Hach. Heiko riss sich zusammen. Unsicher, ob das Stück schon vorbei war und er das Ende verpasst hatte, sah er sich um. Nicht alle Zuschauer waren aufgestanden. Einige saßen noch auf ihren Plätzen und unterhielten sich leise. Weniger aus Rücksicht, wie Heiko vermutete, sondern um nicht peinlich aufzufallen, wenn sie sich als Kunstbanausen entblößten, da sie mit dem Stück nichts anfangen konnten. Die etwas mutigeren lobten den existentialistischen Ansatz. Die ganze Welt, dass Kommen und Gehen in ein Zugabteil zu packen. Was für Affen. Zwei Reihen vor Heiko blickte jemand nervös auf die Uhr.

Tilo hatte nicht gedacht, dass das Stück so lange dauern würde. Und dann auch noch mit einer Pause. Die diente wohl eher dazu, dass sich die Schauspieler hinter der Bühne in Ruhe vor Lachen ausschütteln konnten. Ernsthaft konnte das Stück wohl nicht gemeint sein. Schwer nachzuvollziehen, warum Arnsburg sich für so was hergeben konnte, jetzt, wo sein internationaler Durchbruch angeblich kurz bevor stand. Die ersten Zuschauer kamen aus der Pause zurück. Unter ihnen auch die ältere Frau mit der Kurzhaarfrisur. In der Hand hatte sie einer diese Modebrausen. Das sah ihr ähnlich.

Die Getränkeauswahl war ziemlich bescheiden gewesen. Ausschließlich Softgetränke und dann nicht mal eine Cola. Nur Bio-Zeug. Wenn das wirklich Holunder war, was sie da gerade trank, dann würde sie ihren Lebensabend als Nonne beschließen. Kurz vor ihrem Platz fiel ihr was ein.

Da saß noch immer der Langeweiler. Hatte sich wohl nicht in die Pause getraut. Charlotte beugte sich herunter zu Heiko.
„Wissen sie, es ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen, dass sie im Schlaf nicht schnarchen.“
Heiko wurde rot. Was für eine blöde Kuh. Hinter ihm nahm Charlotte zufrieden Platz. „Das hat meine Mutter auch immer gesagt“, ging ihm durch den Kopf. Schlagfertig war er immer nur hinterher. Dann fielen ihm die guten Formulierungen ein. Was hatte er nicht alles seinem Ex-Geliebten Arnsburg an den Kopf geworfen, als der schon längst zu Tür hinaus gewesen war. Arnsburg. Der Vorhang ging zur Seite und da war er, mitten auf der Bühne. Heiko sah noch mal hin. Ihm kam es vor, als ob der Schauspieler gerötet Augen hatte.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren