Erster Akt — Kalle lässt es krachen

Erster Akt — Kalle lässt es krachen

Tilo hätte sich am liebsten selber geohrfeigt. Extra früher zu kommen, um Arnsburg vor der Aufführung abzupassen und zur Rede zu stellen war eine blöde Idee gewesen. Die Managerin von Arnsburg hatte ihn nur abewimmelt und auf später vertröstet. Jetzt saß Tilo als einer der ersten im Zuschauerraum. Wer zu früh kommt, muss warten. So war das eben. Tilo nutzte die Gelegenheit und sah sich sie die Theaterbesucher an, die nach und nach eintrafen. Durch die Platzkarten war es nicht wirklich notwendig, vor dem ersten Gong am Platz zu sein. Dennoch gab es nicht wenige, die es bevorzugten, lieber alleine auf ihrem Platz zu sitzen als irgendwo im Foyer als Single aufzufallen. Insbesondere die Frauen schaute sich Tilo genauer an. Wer in dem für ihn interessanten Alter noch alleinstehend war, war entweder hässlich, eine grau Maus oder beides. Frauen, die möglicherweise jemanden im Publikum anhimmelten, feurige Brief schrieben, diese aber nie abschickten. Ob man wohl die These aufstellen konnte, dass attraktive Frauen nicht ins Theater gingen? Schwer zu sagen, da Tilo selber nicht so häufig ins Theater ging, um statistisch relevante Aussagen zu treffen. Die ersten Paare und Gruppen kamen durch die Seitentüren. Teils gingen sie zielstrebig zu ihren Plätzen, teils suchten sie unsicher nach der richtigen Reihe. Ein einzelne Frau kam herein, die Tilo sofort auffiel. Eine umwerfende Ausstrahlung, wenn man denn auf alte Jahrgänge stand. Tilo selber bevorzugte Frischgebäck. Nein falsch, er hätte Frauen in seinem Alter oder etwas jünger bevorzugt, wenn er denn nicht zu schüchtern gewesen wäre, sie anzusprechen. Das Selbstbewusstsein, welches die Frau ausstrahlte, kam Tilo erdrückend vor. Die ältere Frau blickte sich nicht suchend um, sondern ging zielstrebig zu ihrem Platz.

Charlotte liebte es nach wie vor, wenn die Blicke junger Männer auf ihr ruhten. Wenn die Kerle sie förmlich damit auszogen. Der Mann mit den kurzen Haaren, undefinierbaren Bart und einer Brille, die wohl irgendetwas intellektuelles ausstrahlen sollte, schien aber nicht aus sexuellem Interesse zu ihr herüber zu sehen. Kannte sie ihn? Eher unwahrscheinlich. Charlotte hatte schließlich ein gewisses Niveau zu waren. Der Kerl sah auch nicht so aus, als ob er häufiger ins Theater ging. Bestimmt gehörte er zu den Typen, die nach der Aufführungen alleinstehende Frauen mit Wissen zu beeindrucken versuchten, welches er lediglich irgendwo aufgeschnappt hatte. Vielleicht sogar aus einer der Kritiken, die Charlotte schrieb. Sie setzt sich. Perfekter Platz. Etwas anderes hätte sie auch nicht akzeptiert. Sie nahm ihr Programmheft zu Hand. Das Stück hieß „Zugverbindungen“ und war  von Franziska Düren. Neumodischer Kram. Was anderes war von Düren nicht zu erwarten. Charlotte hatte schon einige Male über die Stücke von Düren geschrieben. Und nie ein gutes Haar daran gelassen. Bei Düren ging es immer um Beziehunsggeschichten. Mann trifft Frau, Frau trifft Frau, Mann trifft sich selber. Jedes Mal gingen dann die Figuren auseinander, ohne dass es zu etwas kam, was nur entfernt an Sex erinnert hätte. Politische Themen oder Fragen, die die Welt bewegten, tauchten in den Stücken von Düren nicht auf und wenn dann nur als Fußnoten. Als Antwort auf 9/11 hatte Düren damals ein Stück geschrieben, bei dem sich drei Architekten zufällig im Wartezimmer eines Zahnarztes trafen und über die Statik von Gebäuden sprachen.

Die Hälfte des Publikums war noch vor der Pause gegangen oder eingeschlafen. Trotzdem schaffte es Düren immer wieder, dass ihre Stücke aufgeführt wurden. Verstehen konnte man das nur, wenn man die persönlichen Beziehungen kannte, die Düren in Krefeld pflegte. Blieb nur noch das Rätsel, warum Arnsburg sich dazu herabgelassen hatte, in einem ihrer Stücke die Hauptrolle zu übernehmen. Noch dazu ausgerechnet in Krefeld, der Stadt, der er eigentlich den Rücken gekehrt hatte. Der Gong schlug und erinnerte die Nachzügler daran, sich auf ihren Plätzen einzufinden. Eins stand schon mal fest für Charlotte. Arnsburg spielte vor ausverkauften Haus. Nur ein Platz eine Reihe vor Charlotte war leer geblieben. Genau drauf stolperte ein Mann zu, dessen leichte Fülligkeit seine Unbeholfenheit unterstrich. Das Licht ging aus.

Heiko presste beiden Lippen aufeinander. Sein Mund sah aus wie ein dünner Strich. Statt im Dunkeln unauffällig zu seinem Platz zu gelangen, erregte er gerade genau die Aufmerksamkeit, die er hatte vermeiden wollte. Leute mussten aufstehen, er trat welchen auf ihre Füße, entschuldigte sich und fing in seiner für den Abend völlig unangemessen Kleidung an zu schwitzen. Mehrmals hatte er den zerknüllten Zettel wieder auseinander gefaltet wieder und zerknüllt. Schließlich und war er dann doch im letzten Moment zumindest Theater gefahren. Wie von Funke angekündigt, hatte man für ihn an der Kasse eine Karte hinterlegt. Endlich war er an seinem Platz. Kurz vor dem hinsetzen merkte er den Blick der älteren Damen hinter ihm. Spöttische Verachtung schlug ihm entgegen. „Schnepfe!“, dachte Heiko. Mit ihren kurzen angegrauten Haaren sah sie aus wie eine dieser Emanzen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren