Der Schwule — Kalle lässt es krachen

Der Schwule — Kalle lässt es krachen

Auf halber Strecke kam Heiko Trautmann der Koffer entgegen. Solche Höflichkeiten wusste er zu schätzen, auch wenn er jetzt erstmal vor dem Kleiderschrank lag und nach Luft schnappte. In der Küche gab der Eierkocher seine Wehklagen zum besten. Ein Vorteil des späteren Aufstehens war es, dass man nicht im Dunklen zum Sicherungskasten tappen musste. Er hätte das alte Ding schon längst wegschmeißen sollen. Aus ihm unerklärlichen Gründen hing er noch daran. Nein, dachte er, das war nicht die Wahrheit. Er wusste ganz genau, warum er den Eierkocher nicht schon längst entsorgt hatte. Es war das Einzige, was ihn noch an seinen Ex-Freund erinnerte. Der hatte das Gerät mit den Worten „Ich such mir jetzt wieder was ohne Eier“ zurückgelassen. So ein Arsch. Aber geil was der betreffende Körperteil schon gewesen. Er riss sich zusammen. Der Koffer lag noch immer auf ihm. Bedingt durch das geringe Gewicht des Gepäckstücks hätte er zwar noch stundenlang so liegen bleiben können. Die vom Fußboden herauf kriechende Kälte würde jedoch unweigerlich zu einer Erkältung führen. Oder schlimmeres.

Er könnte sich den Tod holen. War das wirklich so schlimm? In seiner Familie gab es für so was wenig Verständnis. Die noch lebenden Angehörigen würden sich auf dem Friedhof über sein Grab beugen und ihn auslachen. Schuld daran war seine Mutter. Sie hatte die Familientradition der bizarren Tode und Selbstmorde posthum eingeführt, als sie sich, in Ermangelung eines Föns, mit einem Waffeleisen in der Badewanne umbrachte. Ganz unschuldig an ihrem Entschluss, aus dem Leben zu treten, war er jedoch nicht. Wenige Stunden zu vor hatte er ihr seine Vorliebe fürs männliche Geschlecht gestanden. Nicht freiwillig, so viel stand fest. Sie hatte ihn erwischt, wie er in ihrem Badeanzug in seinem Zimmer stand und sich mit einem Damenrasierer die Beine rasierte. Ihr war das weitaus peinlicher gewesen als ihm.

„Was sollen die Leute denken, was sollen bloss die Leute denken.“
In einem Dorf aufzuwachsen war nur bis zum Beginn der Pubertät schön. Danach einfach nur noch grausam. Besonders dann, wenn man sich bewust wurde, wie anders man als die anderen Jungen in der Klasse waren. Heiko war damals sportlich und schlank. Ein kleiner Mädchenschwarm, was aber in Anbetracht der eher bäuerlichen Herkunft seiner Mitschüler keiner großer Anstrengung bedurfte. Der Sohn der Organistin, die aus der Stadt aufs Land gezogen war, der Orgel wegen, obwohl Heiko immer was anders vermutete, hatte feinere Gesichtszüge. Aus seinen Mitschülern wurden dann gestanden Kerle, während sich Heiko dem Essen zu wand. Ein Polster für seine Seele. Der Vater hatte ihm keine Vorwürfe gemacht nach dem Tod der Mutter. Er tat das, was er am besten konnte. Schweigen. Was zwischen Heiko und seiner Mutter vorgefallen war, ahnte er nicht mal. Für Heiko war das auch besser so.

Das Klingeln eines Telefons riss ihn aus seiner Agonie. Zufällig war es sein Telefon. Heiko rappelte sich auf.
„Trautmann.“
„Funke hier. Ich soll sie im Auftrag von Herrn Arnsburg zur Vorstellung heute Abend einladen.“
Arnrsburg. Carl. Es erschien Heiko merkwürdig, dass sein Ex ihn zu einer Vorstellung einladen wollte. Frau Funke ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass die Einladung ernstgemeint war. An der Theaterkasse sei eine Karte für ihn hinterlegt. Heiko schrieb sich die Adresse auf, nur um nach dem Auflegen den Zettel zu zerknülllen. Auf keinen Fall würde er heute Abend zur Vorstellung gehen. Schließlich hatte Carl ihn verlassen. Ihn noch mal zu sehen, würde nur wieder Wunden aufreißen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren