Der Texter — Kalle lässt es krachen

Der Texter — Kalle lässt es krachen

Neun Stunden vorher in einem Hinterhof irgendwo in Krefeld. Der Schlauch hing hart in ihrer Hand.
„Nimm mich ganz doll. Ja! Fester, fester!“
An Autowaschen war nicht mehr zu denken. Das Metall der Motorhaube brannte auf ihrem nackten Hintern, während er tiefer in sie eindrang.
Tilo Hartlieb schüttelte den Kopf. Noch mal von vorn.
„Mach mich zwischen den Schenkeln nass!“

Wieder nicht das Richtige. Heute gelang ihm auch nichts. Er hielt den Film an und strich die letzen beiden Dialogzeilen durch. Untertitel für einen Pornofilm zu schreiben, bei dem eigentlich nur gestöhnt wurde, war eine undankbare Aufgabe. Auf der anderen Seite sollte er jedoch froh sein. Das es überhaupt eine Nachfrage nach Untertitel gab, da auch Gehörlose Pornos sahen. Schließlich konnte er sich mit diesem Job über Wasser halten. Seinen wenigen Freunden gegenüber sagte Tilo immer, dass er was mit Medien machen würde. So wie viele seiner Generation. Genauer nachgefragt hatte noch niemand, vermutlich aus Angst, selber zu erklären, was er denn genau mit Medien machen würde. Die meisten beuteten sich aus oder hatten eine Stelle, die vom Stundenumfang zwei Vollzeitarbeitsplätzen, von der Bezahlung aber er einem Praktikum ähnelte.

Zeit für einen Tee. Vielleicht würde das seinen Kopf frei machen. In der Küche saß Elvira am Tisch und schwieg. Genau so kannte Tilo sie nur nur. Auch wenn sie an seinem Küchentisch saß, so hatten sie trotzdem kein Verhältnis miteinander. Elvira gehörte seinem ehemaligen Mitbewohner. Bei seinem Auszug hatte er die Sexpuppe einfach da gelassen.
„Die brauche ich jetzt nicht mehr.“
Vermutlich war es ihm auch peinlich, Elvira in die neue Wohnung, der er gemeinsam mit seiner Freundin angemietet hatte, mitzunehmen.

Tilo schüttelte den Wasserkocher. Mal wieder leer. Ebenso der Wasserfilter[ Ist das nicht eher ein unwichtiges Detail]. Er füllte neues Wasser ein, wartete. Bis heute Abend müsste er mit den Untertitel für zwei Filme fertig sein, um am Ende des Monats seine Miete bezahlen zu können. Das wäre alles kein Problem, wenn er endlich das Geld für „Kalle lässt es krachen“ bekommen würde. Aus einem für ihn nicht erkennbaren Grund war der Film aber nicht veröffentlicht worden. Tilo hatte in den einschlägigen Etablissements extra Vorort Recherche betrieben. Erfolglos. Selbst im Internet konnte man den Film nirgends bestellen. Dabei spielte einer der heimlichen Stars der Szene, Carl „Kalle“ Arnsburg darin die Hauptrolle. Als Tilo vor einigen Wochen Arnsburg per Einschreiben noch mal aufgefordert hatte, die offene Rechnung zu bezahlen, war er nicht davon ausgegangen, eine Antwort zu bekommen. Nur wenige Tage später hatte er sie jedoch im Briefkasten. Wüste Drohungen von Arnsburg, rechtliche Konsequenzen, wenn er es wagen sollte, diesen Film überhaupt noch einmal zu erwähnen. Das Geld würde er schon bezahlen. Irgendwann. Würde Tilo so mit offenen Forderungen umgehen, hätte ihn sein Vermieter längst auf die Straße gesetzt.

Nach dem Tilo das Wasser in den Kocher gefüllt hatte, dreht er sich um zum Küchentisch. Elvira saß dort immer noch schweigend, vor sich die Zeitung. Unwahrscheinlich, dass sie diese noch lesen würde. Es war wohl an der Zeit darüber nachzudenken, endlich das dass leere Zimmer unterzuvermieten. Auf diese Weise könnte er zumindest die monatlichen Kosten etwas reduzieren. Und vielleicht hätte auch jemand Gefallen an Elvira.
Tilo schlug die Zeitung auf um nach den Mietgesuchen zu schauen. Beim Kulturteil blieb er hängen.
„Sieh an, sieh an.“
Das Foto von Carl Arnsburg lächelt ihn an. Dazu ein Artikel. Bekannter Schauspieler des Burgtheaters mit Gastauftritt in Krefeld. Schlimmer noch fand Tilo den Untertitel unter dem Foto. Der neuen Daniel Craig. Wird Arnsburg der nächste James Bond? So lächerlich, das war so lächerlich. Tilo zuckte mit den Schultern. Zumindest sollte Arnsburg mittlerweile genügen Geld haben, seine Schulden zu bezahlen. Eine Gelegenheit, ihn zur Rede zu stellen, gäbe es. Tilo müsste sich nur eine Karte für die Aufführung besorgen.

Der Tee musste noch ziehen. In der Zeit konnte er runter zum Briefkasten, die Rechnungen herausfischen. Dann hatte er das schon hinter sich. Neben den üblichen Mahnungen fand Tilo auch einen Umschlag ohne Absender in der Post. Bestimmt wieder ein anonymer Drohbrief. Gründe dafür gab es genauso wie da draußen auch Spinner. Tilo riss den Umschlag auf. Kein Anschreiben. Nur eine Eintrittskarte für die Aufführung heute Abend.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren