Lebenswirklichkeit im Bundestag

Lebenswirklichkeit im Bundestag

Deutschland ist heute im 21. Jahrhundert angekommen. Nach einer Debatte wurde in einer namentlichen Abstimmung die Ehe für alle beschlossen. Willkommen in der Lebenswirklichkeit.

Die erste Hürde

Die erste Hürde, die Gesetzesvorlage überhaupt zur Abstimmung zu bringen, wurde am Vormittag genommen. Um 8:04 Uhr stimmt die Mehrheit der Abgeordnete dafür, die Abstimmung auf die Tagesordnung zu setzen. Es folgte tosender Applaus. Danach folgte eine Debatte, wie auf 38 Minuten begrenzt wurde. Während die Befürworter unter anderem von einem historischen Moment sprachen, brachten die Gegner der Ehe für alle rechtliche Bedenken vor. Die fraktionslose Erika Steinbach, ehemalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebene und ehemaliges Mitglied der CDU bekam Beifall. Nicht für ihre ablehnende Haltung, sondern für die Anmerkung, dies sei ihre letzte Rede im Bundestag gewesen.

Akzeptanz der Lebenswirklichkeit
Wild0ne / Pixabay

Worum es eigentlich geht

Recht gut bringt der Comiczeichner Ralph Ruthe auf den Punkt, worum es bei dem Gesetzesentwurf eigentlich geht. Niemanden wird etwas weggenommen:

Gerechtigkeit wird nicht weniger, wenn man davon etwas abgibt. Gerechtigkeit ist nicht Marmorkuchen.

 

Viele der Befürworter im Bundestag äußert sich auch in diese Richtung. Die gesamte Gesellschaft gewinnt durch die Ehe für alle. Zudem wird niemand dazu gezwungen zu heiraten. Genau so sollte auch niemand dazu gezwungen werden, als Bedingung für eine Ehe Kinder zu zeugen. Die Lebenswirklichkeit sieht einfach anders. Liebe gibt es zwischen Menschen unterschiedlichen und gleichen Geschlechts. Und auch zwischen Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen möchten.

Die Abstimmung

Gegen 9 Uhr erfolgte die namentliche Abstimmung, anschließend die Auszählung. Mit einer Mehrheit von 63 Prozent wurde die Ehe für alle beschlossen. Zum Vergleich: die Zustimmung in der Bevölkerung liegt bei 83 Prozent. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt gegen die Ehe für alle. Immerhin, sie ist in einem entschiedenen historischen Moment zur Seite getreten um Platz zu machen für mehr Toleranz. Vielleicht auch, weil sie für sich erkannt hat, wie die Lebenswirklichkeit der Menschen in diesem Land aussieht.
Schaut man sich das Ergebnis der Abstimmung näher an, sieht man wo hauptsächlich die Befürworter her stammen. Nahezu geschlossen stimmten die Abgeordneten von SPD, Linke und Grünen für den Gesetzesentwurf. Nur jeweils ein Abgeordnete von der SPD und von den Linken beteiligte sich nicht. Erika Steinbach stimmte wie nicht anders zu erwarten gegen die Ehe für alle.

Leugnen der Lebenswirklichkeit

Man kann es drehen und wenden wie man will, die Möglichkeit der Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts war längst fällig. Auch wenn das 225 Abgeordnete aus den Reihen der CDU und CSU dies anders sehen. Sie verschließen ihre Augen vor der Lebenswirklichkeit. Umso erfreulich sind die 75 Abgeordneten der Union, die für den Gesetzentwurf stimmten. Wer das genau ist, kann man sich auf der Website des Deutschen Bundestags ansehen. Ganz vorne mit dabei bei den Befürwortern: Peter Altmaier und Ursula von der Leyen
Vorreiter ihrer Partei und Gesichter eines Wechsels? Eher Menschen, die sich eine eigene Meinung leisten, aufgeklärt sind.

Kein Weltuntergang

Auch wenn hier in Köln sich am Himmel dunkle Wolken zeigen, die Welt ist nach der Öffnung der Ehe für alle nicht untergegangen. Im Dom wird die Glocken nicht vor Wut dauerhaft geläutet. Ein strafender Blitz aus dem Himmel blieb aus. Eigentlich ist alles wie immer. Und doch ist es anders. Es ist ein großartiger Sieg, nicht für irgendeine Partei, sondern für alle Menschen in Deutschland. Selbst für die, die sich mit Händen und Füßen gegen die Ehe für alle gewehrt haben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren