Der Balkon als Spiegelbild

Der Balkon als Spiegelbild

Beim Frühstück gehen einem manchmal merkwürdige Sachen durch den Kopf. Es liegt weder am Tee, noch am Kaffee noch an anderen Dinge, die ich üblicherweise zu mir nehme. Nicht selten aber ist dagegen das, was auf einem Balkon eines Nachbarn passiert, schuld.

Beobachtungen im Alltag

Je nach Blickwinkel und Situation fallen einem einfach Dinge auf, welche die ganze Zeit so waren. Man hat sie nur noch nicht beachtet. Der Randbereich unserer Wahrnehmung. Verändert sich der Fokus, nehmen wir dann auch eine Neueinschätzung und Bewertung vor. Über die Balkone meiner Nachbarn habe ich mir nie Gedanken gemacht. Sicher, es gibt hier und da einen, der ein Drittel größer ist als unserer. Wäre schon schön, so was zu haben. Mehr Platz für einen potentiellen Grill. Oder auch die Möglichkeit, selber mal draußen zu sitzen. Unser Balkon wird nämlich von Pflanzen okkupiert. Aber dazu später mehr.
Andere Nachbarn haben einen Balkon, der überdacht ist, weil sich darüber noch ein Balkon befindet. Dadurch hat man zwar weniger Sonne, kann aber auch bei schlechtem Wetter grillen. Und die Sonne wird überbewertet. Etwas weniger bei Südlage ist immer noch reichlich.

Ein wilder Balkon
Ein wilder Balkon

Balkon mit Persönlichkeit

Unser Balkon ist wie er ist, er wird nicht breiter. Mit dem gebotenen Platz müssen wir entsprechend auskommen. Schließlich schaffen das andere auch. Interessant dabei ist, wie auf der mehr oder weniger gleichen Fläche völlig unterschiedliche Vorstellungen umgesetzt werden. Jeder hat eine andere Idee und eine andere Definition davon, was schön ist, also ihm gefällt. Der Balkon entspricht der Persönlichkeit der Bewohner. Eine Nachbarin hat farbige Blumen, etwas rein grünes und Verzierung wie Holzvögel und kleine Windspiele.
Auf einem anderen Balkon gibt es ein riesigen Kräutergarten. Es gibt Nachbarn mit Spießergewächsen wie Geranien. Oder solche mit einer Wellness-Lounge auf dem Balkon. Wiederum bei andern sieht es aus, als ob man für nächste BBQ-Meisterschaft trainiert. Und es gibt die IT-Made. Ja, wir geben unseren Nachbarn heimlich Spitznamen. Lehrer Lempel, die Blumenfrau, Die Knopffamilie und eben die IT-Made.

Symmetrische Tristes

Den Nachbarn haben wir so genannt, weil wir vermuten, dass er irgendwas im IT-Sektor macht. Lichtscheu ist er auch, seine Jalousien sind ganztägig heruntergelassen. Frische Luft wird extrem selten hereingelassen. Seine Plattform ins Freie: umwerfend trist.  Genutzt wird sie auch nicht. Auf ihm steht genau ein symmetrisch ausgerichteter Plastikstuhl, exakt parallel dazu ein Kunststofftisch. Mehr nicht. Wirklich, der Balkon ist sonst fast klinisch leer. Wenn das ein Ausdruck der Persönlichkeit des Nachbarn ist, gruselt es einem schon etwas. So sieht das bei Serienmördern in Filmen auch immer aus.

An die eigene Nase

So, natürlich kann man sich über Nachbarn auslassen, ohne etwas zum eigenen Balkon zu schreiben. Das wäre aber etwas unfair. Einen kleinen Eindruck vermittelt das Foto bereits und die Interpretationshilfe gibt es jetzt dazu. Nur auf dem ersten Blick scheint eine klare Linie zu fehlen. Meine Frau und ich möge gerne die wilde Natur, greifen eher selten ein. Sicher, wir haben das gepflanzt, was uns gefällt. Hopfen, Margeriten, Clematis, ein paar Kräuter und vor allem Lavendel. Der Weltmeister hat sich mehr oder weniger von alleine ausgebreitet. Recht stolz sind wir darauf, dass in einem Kasten Ingwer zu wachsen scheint.
Von morgens bis abends fliegen Bienen den Balkon an und freuen sich über den Lavendel. Und uns freut das beruhigende Summen. Unser Balkon ist ein wilder Garten, fast ungezähmt wachsen die Pflanzen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren