Nachruf für Helmut Kohl

Nachruf für Helmut Kohl

Von 1982 bis 1998 ist es eine lange Zeit. Das sind nicht nur sechzehn Regierungsjahre von Helmut Kohl gewesen, sondern auch genau so viel Jahre meines Lebens.

Tod eines Alt-Kanzlers

Am vergangen Freitag verstarb der Alt-Kanzler Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren. Vor etwas über einem Jahr, in meinem zu Nachruf Hans-Dietrich Genscher, war mir schon klar das es bei Helmut Kohl schwieriger sein würde. Sich mit Helmut Kohl zu versöhnen ist fast schon unmöglich. Auch posthum nicht. Das gilt für seine beiden Söhne ebenso wie für politische Weggefährten und die Bürgerinnen und Bürger, die seine Kanzlerschaft bewusst erlebt haben. Über sein Privatleben ist und wird noch vieles geschrieben werden. An dieser Stelle möchte ich mich auch eher raus halten. Vielleicht nur so viel: ich habe den alten Mann bedauert. Mit seiner zweiten Frau hat er sich nicht wirklich ein Gefallen getan, es hat ihn noch weiter von seinen Söhnen entfremdet. Maike Kohl-Richter schirmte Kohl von der Außenwelt ab, insbesondere nach seinem Unfall 2008. Das Wenige was man noch von Helmut Kohl mitbekam, wirkte wie ein Schatten.

Was bleibt von Helmut Kohl?
Anemone123 / Pixabay

Sturz über Parteispenden

Über die Parteispendenaffäre, die den Giganten Helmut Kohl schließlich politisch zu Fall brachte, ist das meiste wohl hinlänglich bekannt — außer die Namen der Spender. Es hat Kohl nicht nur den Ehrenvorsitz der CDU gekostet, sondern sein Ansehen nachhaltig beschädigt. Gleichzeitig war die Affäre die Bruchlinie, die ihn von alten Weggefährten trennte. Menschen wie Norbert Blüm entschieden sich für das Recht, nicht für die Freundschaft. Gegner kannte Kohl nicht, nur Freude oder Feinde, wie etwa die Süddeutsche Zeitung schrieb. Als Kohl fiel und Merkel an die Spitze der CDU gelangte, war er für mich bereits Teil der deutschen Geschichte. Auf die und die andere Weise.

Die Birne Helmut Kohl

Birne — das war die satirische Bezeichnung von Helmut Kohl, abgeleitet von seiner Statur. Er war eine Projektionsfläche für den Stillstand, für konservative Politik bis an die Schmerzgrenze. Für mich damals im Jusos-Alter war er ganz klar eine Hassfigur. Das muss man mit aller Deutlichkeit einfach auch eingestehen. Er lag wie ein schwerer dunkler Schatten über der alten Republik. Gleichzeitig war es wiederum dieser Helmut Kohl, der den Übergang von der alten Bonner Republik in ein vereintes Deutschland einleitete. Natürlich war das nicht allein sein Verdienst, aber er wurde zur Symbolfigur. Auch zur Spottfigur, als er den Menschen im Osten blühende Landschaften versprach. Und wir Jusos haben gelitten. Mit jedem weiteren Regierungsjahr, mit seinen Erfolgen und an uns selber der „Wiedervereinigung“. Zumindest wir damals in Wesel, unter Kohl.

Spätes Begreifen

Man kann Helmut Kohl schmähen, so wie wir es oft getan haben. Für das was ihm später widerfuhr kann man ihn bedauern, so wie ich es tat. Aber kann man ihn auch bewundern, wenn man nicht CDU-Mitglied ist? Ich denke schon, auch wenn es verdammt schwierig ist. Und vielleicht ist „bewundern“ auch der falsche Begriff hierfür. Ja, ich muss Helmut Kohl auch meinen Respekt zollen für das, was er in Bezug auf eine vereinigtes Europa geleistet hat. Er war unbestritten aus ganzem Herzen ein Europäer. Das Bild was ich in Gedanken von ihm bewahren möchte, ist nicht Karikatur mit dem Birnengesicht, sondern das, wo er Hand in Hand mit François Mitterrand über den Gräbern von Verdun stand. Die geistig-moralische Wende, die er zu Beginn seiner Regierungszeit einläuten wollte, war und ist ein Märchen. Europa war sein Traum, den wir hoffentlich noch lange weiter träumen werden. Ein Stück weit sind wir dann damit alle seine Erben, egal wo wir uns politisch verrotten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren