Besoffenheit nach dem Türkei Referendum

Besoffenheit nach dem Türkei Referendum

An manchen Tagen versagt einem die Sprache. Man versucht, etwas in Worte zu fassen. Weiß aber Gans genau, dass man nur scheitern kann. Genau so geht es mir gerade in diesem Moment mit Türkei Referendum.

Präsidialsystem zur Abstimmung

Gestern wurde in der Türkei unter anderem über die Einführung eines Präsidialsystem abgestimmt. Die Süddeutsche Zeitung hat recht gut zusammengefasst, worum noch ging. Im Kern sollen die Änderungen den Präsidenten stärken und mehr Macht verleihen. Mehr Macht, beim Türkei Referendum stand vor allem eine Person im Mittelpunkt. Letztendlich ging es um Recep Tayyip Erdoğan und seinen Willen, in die türkische Gesichte einzugehen. Das Erdoğan das auf die eine oder andere Art schaffen würde, stand schon vor der Abstimmung fest.

Betroffenheit nach dem Türkei Referendum
godil / Pixabay

Erschrockene Europäer

Nach bisherigen Stand stimmte eine Mehrheit von gerade einmal 51 Prozent für die Änderungen. Die SZ schrieb in diesem Zusammenhang, Erdoğan sei ein kümmerlicher Sieger. Das ist sicherlich zutreffend, aber nicht mal ein schwacher Trost. Geahnt hatte ich, wie das Türkei Referendum aller Wahrscheinlichkeit ausgehen würde. Als Europäer erschreckt mich der Ausgang dennoch. Es ist wie eine Tür, die mit lautem Knall zufällt. Nicht nur eine Tür für die Türkei nach Europa, sondern auch eine Tür zum Verständnis unserer Nachbarn.

Türkei Referendum in Deutschland

Unsere Nachbarn, das bezieht sich sowohl aus Sicht der EU Richtung Türkei als auch ganz konkret auf Nachbarn hier in Deutschland. Auf Menschen in Köln, in Nippes. Menschen, denen ich begegne, auf der Straße, beim Einkauf und andere Gelegenheiten. Über 63 Prozent der in Deutschland lebenden Türken haben für das Referendum gestimmt — obwohl sie hier und eben nicht in der Türkei leben. In Köln lag die Zustimmung bei 64 Prozent, während sie zum Beispiel in Berlin bei gerade einmal 50 Prozent lag. Über das Türkei Referendum stimmten in Deutschland 46 Prozent der tatsächlich Wahlberechtigten hier lebenden Türken ab.

Viel Unverständnis

Es gibt eine Menge Dinge, die ich nach der Abstimmung nicht verstehe. Sprachlos machen mich zwei davon. Zum einen, warum Menschen, die hier in Deutschland, Freiheit, Demonstrationsrecht und Demokratie genießen, für ein autokratisches System in der Türkei stimmen. Ein Land, dem sie ganz offensichtlich den Rücken gekehrt haben. Es sollte nicht sein, über etwas abzustimmen was einen nicht betrifft. Und ganz ehrlich, wenn ihnen der neue Kurs so gut gefällt, warum haben sie dann noch nicht die Koffer gepackt?
Unverständlich ist auf der anderen Seite die niedrige Wahlbeteiligung der Deutsch-Türken. Ist es der Mehrheit wirklich egal, was in ihrer ehemaligen Heimat passiert? Während sie mit einem Nein vielleicht das Zünglein an der Wage gewesen?

Experten melden sich zu Wort

Für das was in der Türkei passiert, bin ich wahrlich kein Experte. Beurteilen kann ich nur auf Grundlage dessen, was ich lese und höre. Auf die Quellen muss ich mich verlassen. Dabei tut es gut zu wissen, dass zum Beispiel Süddeutsche Zeitung, Spiegel, Tagesschau unabhängig und seriös berichten.
Nach dem Schock melden sich in Deutschland die ersten Experten zu Wort. Wie sie das Türkei Referendum einschätzen, wirkt sich auch auf mein Meinungsbild aus.

Was folgen muss

Der Grünen-Chef Cem Özdemir fordert Konsequenzen. Er verlangt ein uneingeschränktes Bekenntnis der Deutschtürken zu unserem Grundgesetz. Vor einigen Jahren noch hätte allenfalls ein CSU-Politiker so was öffentlich gefordert und wäre dafür von Politiker aus dem linken Spektrum gesteinigt worden. Recht hat Özdemir jedoch. Wer die Vorzüge der Demokratie genießt, muss sich zu ihr bekennen. Wer für Diktatur und Todesstrafe ist, tut besser dran unser Land und am besten Europa dauerhaft zu verlassen.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren